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Am Laurentianum


Der Zweite Weltkrieg war schon sieben Monate alt; deutsche Sturzkampfflugzeuge, die Stukas, Panzer und Soldaten hatten sich schon über Polen hergemacht und es im damals sogenannten Polenfeldzug, der ein blitzartiger Überfallkrieg war, niedergezwungen; Hitler hatte mit Stalin, der ihm von Osten her nach Polen hinein entgegengekommen war, die Beute zur vierten Teilung des Landes schon auseinandergerissen, untereinander geteilt, als die Klosterschule in Hiltrup geschlossen wurde, wo ich von katholischen Patres gelernt hatte, die laufenden Ereignisse kritisch zu betrachten. Nach Ostern 1940 wechselte ich dann über an die damalige Oberschule für Jungen, das frühere Gymnasium Laurentianum in meiner Geburts- und Heimatstadt Warendorf. Nur anderthalb Jahre habe ich diese Schule besucht, bis ich Soldat werden mußte. In normalen, ruhigen Zeiten habe ich sie leider nicht kennengelernt, weder meine Lehrer noch meine Schulkameraden.

Denn meine anderthalb Jahre Laurentianum fielen in eine "große Zeit". Die war völlig überhitzt durch eine hysterische Politik, die den Menschen total zu beschlagnahmen versuchte, aus den Volksempfängern dröhnte und mit ihrem Atem die Fenster der Klassenzimmer beschlug, besonders aber durch einen Krieg, der selten so genannt wurde, obwohl Hitlers Armeen ihn doch noch immer von Land zu Land eilend auf Sieg reimten: beim Einmarsch in die neutralen Länder Dänemark und Norwegen, Belgien, Luxemburg und die Niederlande, beim Frankreich-Feldzug, bei der Luftschlacht über England und der U-Bootschlacht im Atlantik, beim Balkanfeldzug mit dem Einmarsch in Jugoslawien und Griechenland und der Besetzung Kretas, bei den Panzerschlachten in Nordafrika und schließlich während der ersten Phase des Rußlandfeldzuges mit dem Vormarsch auf Leningrad und den Kesselschlachten von Wjasma und Brjansk. Ich staple hier nicht geschichtlich hoch; denn all das, angereichert natürlich durch die unendlich vielen Einzelheiten aus dem Bereich menschlichen Leidens und Sterbens, ereignete sich ja tatsächlich während meiner Monate am Laurentianum in Warendorf und machte Lehrer und Schüler, denen zu lehren und zu lernen von Monat zu Monat schwerer wurde, zu nervösen Zeugen einer in allen Tonarten immer wieder als groß deklarierten Zeit.

Es fand außerdem seinen Niederschlag in meiner Wort-Symphonie "Der Verwundete", ein Titel, der durch keine Erfahrung, nicht einmal durch Anschauung gedeckt war; da ließ ich es in Nietzsches "Zarathustra"-Manier von Klagen, Flüchen und Verdammungen wild donnern und von Blut und Eiter nur so triefen. Sie und erholsam kontrastierende Naturreimereien in Goethenachfolge brachten mir die wohlmeinende Mahnung unseres Klassenlehrers ein, überm Versemachen das Erlernen französischer Vokabeln nicht zu vergessen.

Und als nicht nur der Reim aus Krieg und Sieg zerbrach, als die deutsche Kriegswalze vor Moskau zum Stehen kam, war ich schon wieder nicht mehr am Warendorf er Laurentianum, sondern in einer Rekrutenschule, wo ich militärisch stehen und gehen und grüßen lernen sollte, "werden Se erstmal Mensch, Sie Nulpe Sie!"

Ich kam als Fremder an das Laurentianum. Keinen meiner Mitschüler oder Freunde von der Volksschule am Münstertor fand ich hier wieder. Sie waren alle aus Geldmangel - damals kostete es noch Geld, die höhere Schule zu besuchen - oder aus Familientradition oder aus Unkenntnis - ich weiß es nicht - wie ihre Väter Weber oder Anstreicher oder Schlosser geworden, und einige hatten bereits die schmutzigbraune Uniform des Reichsarbeitsdienstes anziehen müssen.

Ich kam in eine Klasse, in der Sympathien und Antipathien, Freund- und Feindschaften und die differenzierten Verhältnisse zwischen Lehrern und Schülern seit langem eingespielt waren. Trotzdem kann ich mich an Schwierigkeiten mit Klassenkameraden nicht erinnern. Vielleicht förderte die Hektik der "großen Zeit" meinen Anpassungsprozeß. Ich war bald aufgenommen in die Freund- und die Feindschaften üblicher und nicht erwähnenswerter Art.

Nach meiner Kenntnis war ich in unserer Klasse der einzige, der kein braunes Hemd trug, der nicht in der Hitlerjugend oder in einer ihrer Gliederungen mitmarschierte. Von Schulkameraden, die in der Hitlerjugend für den Klosterschüler nicht leicht unterscheidbare Führungspositionen innehatten, wenngleich sie sich gern uniformiert, mit kennzeichnenden Kordeln auf der Brust und auf dem Schulhof wie an einer Kompanie von Rekruten an uns vorbei bewegten, wurde ich ziemlich eindeutig, fast ulfimativ aufgefordert, vom Oberstudiendirektor sanft und wohl nur pflichtgemäß gebeten, mich in eine der zuständigen NS-Organisationen einzureihen. Der Oberstudiendirektor gab sich mit der Bekundung meines guten Willens zufrieden. Und die HJ-Führer waren auf dem Schulhof bald nicht mehr zu sehen; sie hatten sich in der schrecklichen Angst, den Endsieg zu Hause oder auf der Schulbank statt im Waffenrock feiern zu müssen, freiwillig gemeldet.

Keiner meiner Lehrer am Laurentianum, auch die wenigen nicht, die das Parteiabzeichen am Rockaufschlag trugen, ließen mich spüren, was ich befürchtet hatte: daß es in dieser "großen Zeit" doch wohl unzeitgemäß sei, eine Klosterschule zu besuchen und sich dort auch noch auf den Beruf eines katholischen Priesters vorbereiten zu lassen. Vielleicht wußten die meisten nicht, woher ich kam. Aber der erste Klassenaufsatz, den ich an der Oberschule in Warendorf schreiben mußte, hatte das Thema: Welchen Beruf habe ich mir zum Ziele gesetzt?

Weil es während meiner Monate am Laurentianum noch stimmte, weil ich nicht feige sein, weil ich nicht abschwören und zum Verräter werden wollte, und aus Trotz begründete ich, warum ich katholischer Missionar werden wollte. An die Gedankenführung und die Argumentation erinnere ich mich nicht mehr. Unser Klassen- und Deutschlehrer gab mir für dieses Bekenntnis ein "sehr gut" und ein ernstes Lob vor versammelter Klasse. Das kam Mitte 1940, als die Braunhemden- und Kordelträger noch neben uns in den Bänken saßen, einer kleinen Widerstandshaltung nahe; jedenfalls verstanden wir alle das Lob als eine Provokation.

Ich habe, wenn ich mich nicht täusche, am Laurentianum nur einen Studienrat kennengelernt, der seinen Unterricht bisweilen mit einer Siegesmeldung aus Frankreich oder später aus Rußland zu würzen versuchte; und nur einen Assessor, der uns zum eifrigen Lernen ermunterte mit dem Argument, wir, die kommenden Offiziere der groß deutschen Wehrmacht, dürften nicht dumm vor den Leuten stehen, und der dann und wann gezielt fragte, wer sich denn nun als nächster freiwillig zu melden gedenke.

Alle anderen sagten mehr oder weniger deutlich, jeder auf seine unverwechselbare, manchmal wegspielende, manchmal kurios traurig-betroffene, nicht selten originale Weise: Drängt euch doch nicht, Jungs, ihr werdet noch früh genug im Dreck liegen.

Während ich dies schreibe, also zurückblickend, erstaunt mich das. Ich kann mir nicht erklären, warum es - jedenfalls während meiner Monate am Laurentianum, jedenfalls in meiner Klasse, später und in anderen Klassen soll das anders gewesen sein - warum es so wenige, nein, eigentlich nicht einen einzigen nationalsozialistisch überzeugten Pädagogen gegeben hat. Lag es daran - ich habe es erst zwanzig Jahre später und auch nur als Vermutung gehört -, daß eine Reihe unserer Lehrer aus welchen Gründen auch immer an die Warendorfer Oberschule strafversetzt worden war und sich also ohnehin bereits in einer wie auch immer gearteten oppositionellen Haltung befand? Ich weiß es nicht. Immerhin könnte diese Vermutung meine Beobachtungen und außerdem die ungewöhnlich große Zahl an pädagogischen Originalen an der Schule wenigstens teilweise erklären.

Eines der Originale wurde zum Modell der Hauptfigur in meinem Roman "Engelbert Reineke". Der Roman beabsichtigt nicht, eine historische Situation orts-, personen- und sachgetreu nachzuzeichnen. Es ist somit wahrscheinlich, daß mein Modell, sollte der Mann vor seinem Tode noch meinen Roman gelesen haben, sich dort nicht porträtiert fand. Aber der Roman spielt - für den Kenner ziemlich deutlich - in Warendorf und am Laurentianum, und in alle Szenen, vornehmlich natürlich in die Titelfigur und seinen Vater, den Studienrat Reineke mit dem Spitznamen Beileibenicht, der gegen die Nazis, gegen Krieg und Unmenschlichkeit und Verlust an Würde und überhaupt gegen die "große Zeit" auf seine ebenso originelle wie originale Weise Widerstand geleistet hat und dafür in einem Konzentrationslager umgekommen ist, sind ohne jeden Zweifel meine eigenen Stimmungen, Erinnerungen, Erfahrungen und Erkenntnisse aus meinen Monaten am Laurentianum in Warendorf eingeflossen.


Text aus: "Von der Lateinschule zum Gymnasium Laurentianum Warendorf 1329-1979", Hrsg: K.Gruhn, Warendorf, 1979

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