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> Paul Schallück,  Satire von 1966

Warendorfer Pferde


Von Hunden und ihren Besitzern sagt man, daß ihre Gesichter einander gleichen, leben sie nur lange und einträchtig genug miteinander.

Warendorf ist die Stadt des Pferdes. Warendorf liegt an der westfälisch-münsterländischen Ems, an einer Furt, ungefähr im Schnittpunkt des achten Längen- und des zweiundfünfzigsten Breitengrades. Handwarm haben nur wenige der acht- bis zehntausend Dortgeborenen sowie der fünf- bis siebentausend Vonferngekommenen mit Pferden zu tun - in diesem schmucken Städtchen auch höchstens dreistöckigen Wohnhäusern, Gassen mit Katzenkopfsteinpflaster, krummen Straßen und viel zu schmalen Bürgersteigen. Alle Warendorfer indessen leben, atmen, essen, trinken, freuen und ärgern sich im Dunst- und Bewußtseinskreis von Pferden. Sie gehören ihnen nicht, aber sie gehören zur Stadt, zu Warenderf, weshalb dieser Furt-Flecken der lieben Gottesmutter zwar geweiht, trotzdem die Stadt des Pferdes genannt zu werden verdient.

Aus all dem darf man jedoch nicht schließen, ausnahmslos alle Menschen dort, alle Greise und Pipimädchen, alle Onanierbuben und Scheu-ager, alle Ausgewachsenen eines kräftigen Manns- und eines ebenso ansehnlichen Weibsgeschlechtes hätten Pferdegesichter.

Ich zum Beispiel lebe nicht mehr unterm Sternbild des Warendorfer Pferdes, bin aber ohne Zweifel unter demselben geboren, gleich neben der Ems und ihrem Mühlenkolk, und ich habe einen wichtigen Teil meines Lebens daselbst verbracht, bis zur Pubertät nämlich. Zuerst haben wir auf der Totenstraße gewohnt, über die ehedem - vielleicht, ich mißtraue Auslegungen, die sich so mühelos anbieten - Schwarzbedeckte von der Alten Kirche her ihren letzten Gang getragen wurden, später an der Gartenstraße, wieder nahe dem Emsflüßchen, das direkt in die Nordsee mündet, worauf Warendorf er mit vollem Recht auch dann stolz wären, würde ihnen dieser antike Fact im heimatkundlichen Unterricht nicht eingebläut. Wir haben zu Haus Kaninchen, Hühner, Tauben und Meerschweinchen besessen, Raupen, Eidechsen und Schlangen, womit ich zweimal im Jahr eine Tierschau arrangieren konnte, Erwachsene fünf, Kinder die Hälfte; aber wir haben uns nie mit Pferden oder Pferdeähnlichem beschäftigt.

Draußen am Sassenberger Tor hatten wir unsern Garten; der lag freilich so unmittelbar zum Gestüt, wie der Mensch nach evangelischer Theologen-Meinung zu Gott ist. Manchmal ließ ich die Pferdeharke zwischen den Pferdebohnen liegen, legte ein Ohr an die westfälische Heimaterde und hörte die männischen Rösser auf der Pferdebahn des Gestüts traben und stampfen, ich weiß nicht in welcher Wut, oder im Stall. In mistarmen Tagen wurde ich zur Abenddämmerung ausgeschickt, setzte nach mehrfachem Versuch über den Lattenzaun und sammelte heimlich in eine Einkaufstasche Pferdeäpfel ein. Vater mistete sie unter die Erdbeeren. Ich habe mich oft gewundert, daß man den saftigen Früchten nicht ansah, auf welche Weise sie am Warendorfer Pferdeleben teilnahmen. Und als ich mit einem Fuß in der Pubertät stand, habe ich mich gefragt, ob es für Erdbeeren einen Unterschied macht, mit Äpfeln von Hengsten oder mit solchen von Stuten, Wallachen oder Fohlen gedüngt zu werden. Ich war davon überzeugt. Denn ich konnte, mich selbst und meine Schwester betrachtend, nicht einsehen, daß eine Ohnealles die gleiche Qualität zu produzieren imstande sein sollte wie ein Rutenbewehrter. Und die vom Gestüt hatten Kabänesse! Wir haben sie uns zu Vorbildern genommen, vergeblich. Schon bald mußte ich die Wahrheit der salomonischen Weisheit begreifen: Vanitas vanitatum, et omnia vanitas. (Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist eitel.)

Ich war nicht der einzige Ein- oder Fremdgeborene, der Pferdeäpfel auflas. Auf dem Marktplatz, der Meinen Spatzenarena aus Rathaus, zwei Apotheken, Bürgerhäusern, Patriziergiebeln und dem Turm der nahen Laurentius-Kirche, habe ich den spinnigen Pillendreher und die asthmatisch dicke Pastorenhaushälterin, den glatzigen Stadtkämmerer und manch fromme Marienjungfrau bei der gleichen Arbeit gesehen. Wie stolz wäre ich gewesen, hätte man dann und wann wenigstens von Hinterlassenschaften eines Pegasus sprechen können. Aber mit dieser außenseiterischen Sorte des equus communis (des gemeinen Pferdes) hat man sich an der Ems nie sonderlich verstanden. Es soll ein oder zwei oder gar drei Musenküsse gegeben haben in fernen Tagen; aber zu einem fruchtbringenden Koitus ist es anscheinend doch nie gekommen, zumindest nicht in hochdeutscher Mundart; Petting also, sonst nichts. Hier ist man fürs Handfeste, für sichtbare und dampfende Rösser und ihre Produkte. Die besten Pferde im Warendorfer Stall sind immer und allemal Handwerker und Geschäftetreibende, nicht aber Poeten gewesen; neuerdings auch Pferdereiter mit olympischem Lametta.

Heute ist der Marktplatz an Wochentagen mit blechernen Pferdestärken vollgestopft. Da haben die hafersüchfigen Spatzen nichts mehr zu suchen. Einst aber war Warendorf die Lieblingsstadt der Sperlinge. Die Gasse, an der das Josephs-Hospital liegt, trägt sogar ihren Namen, sie heißt Lüningerstraße. Sonntags ist es so still auf dem Marktplatz, daß man wähnt, da sei soeben ein Pferd begraben worden.

Wie kamen die Pferdeäpfel auf den Markt- und Spatzenplatz, da doch das Gestüt eine gute achthundert Parcoursmeter-Strecke entfernt liegt? Nun, Anfang März wurden die dicken Kaltblüter-Hengste des preußischen Instituts durch die Straßen und also auch über den Markt hinaus aufs Land geführt, zu den Hengststationen, um ihnen Bauern- und Landstuten zuzuführen. Diesem mit gesammelter Kraft gestampften Traberzug aus der Emssiedlung hinaus und Ende Mai mit glücklichen Pferdegesichtern zurück in die heimischen Ställe verdanke ich meine frühe Aufklärung der Definitionen Decken, Bespringen, Beschälen. Noch heute nachempfinde ich, wenn ich mir die gewaltigen Burschen, die ab und zu einen der evangelischen Wärter an der Stallwand verkrüppelten oder gar zu Tode drückten, bei ihrer Minnearbeit vorstelle, mit dem Glück der rossigen Pferdemädchen zugleich die Nähe des Todes. Sie sind uns immerhin nahe, die Einhufer, gehören wie wir zur Gattung der Säuger, ob's nun Körhengste sind oder Jubelkühe, Rosinanten oder Gullivers Houynhnhun.

Im Herbst, zur Hengstparade, war den kaltblütigen Bedeckern von ihrem Frühjahrsglück nichts mehr anzumerken. Da dröhnte wieder der westfälische Heimatboden unter ihren teilergroßen Hufen, da zogen sie wieder im gesammelten Galopp oder in wütendem Trab Staubwolken hinter sich her, im Sechser- oder Zwölferzug und vor dem goldenen Triumphwagen. Und ich war überzeugt, Rom hätte nicht zu zittern brauchen vor Hannibals Elefanten, hätten die Lateiner sich nicht auf ihre Pomadehengste verlassen müssen, sondern ihr Pferdematerial für die Vorwärtsverteidigung aus dem Warendorfer Landgestüt beziehen können. Es mochte morgens sein oder spät abends, keine zehn Pferde hätten mich vor dem Ende der Hengstparade vom Turnierplatz gebracht.

Nicht gar so ansehnlich waren auf dem oktobrigen Fettmarkt, der auf dem Wilhelmsplatz neben Schiffschaukel und Kettenkarussell abgehalten wurde, die Füchse und Lepper, die Jucker und Klepper oder Mähren, Falben und Mustangs vom Bauernland, die den Pflug gezogen hatten durch westfälische Muttererde oder den Mistkarren darüber, die Kutsche durch Sand- und Schlammwege oder den Schlitten über die Eisflächen der aus ihren Ufern getretenen Ems. Nackt wie die Sklaven und auch so begafft, wurden sie feilgeboten; sie mußten es sich schweigend gefallen lassen, zwischen den Hufen, im Maul, zwischen den Hinterbeinen befühlt, beklopft zu werden. Männer schlugen sich in die Hände, rasselten Zahlen herunter, tranken etliche Klaore, redeten Plattdeutsch, prahlten, machten schlecht, schlugen sich wieder auf die Schwielen und einigten sich schließlich, oder auch nicht. Ein beschämendes Schauspiel, wiedergespiegelt in den tränenden Augen der Gäule.

All diese aufklärerischen und traurigen Erlebnisse mit Warendorfer Pferden haben mir jedoch kein Pferdegesicht beigebracht. Mir nicht.

Leugnen kann ich indessen nicht, daß es etwelche gab und noch gibt, die sich angepaßt haben. Da war zum Beispiel unser Erdkundelehrer. Da er tot ist, will ich seinen Namen verschweigen. Er war das Modell zu Engelberts Vater in meinem Roman "Engelbert Reineke"; wie die Emssiedlung selbst ein Modell für die Topographie dieses Romans hergegeben hat. Lebte er noch, er würde sich lesend nicht wiedererkennen. Denn in Wirklichkeit war er ein unbekümmertes Kaltblut aus der oldenburgischen Zucht. Schnaubend und muffelnd stampfte er in die Klasse, sagte: Verhalten Sie sich noch einen Auchenblick ruhich, ging auf den Flur und frühstückte und wässerte das derbe Brot aus einer Flasche klaoren Korns.

Er war einfach und treu wie ein Pferd, treu sich selbst, seinen wenigen Freunden, seinen einmal gefaßten Überzeugungen, die keine braune Tunke vertrugen, und auch den Pinten, die er regelmäßig nach der Schule frequentierte. Ein prächtiger Brauner, schwer in Trab zu bringen, langsam denkend, immerhin denkend. In einer Großstadtschule hätte man ihn vielleicht das Roß genannt oder den Gaul oder Buzephalos. In Warendorf fiel er nicht auf. Da waren manche so. Wir nannten ihn Beileibenicht, weil er - zum Beispiel bei der Behandlung des Rheinlandes - sagen konnte: Da wurde Heinrich Heine geboren, ein Jude, ein Asphaltliterat, wie man heute sagt, können wir das von hier aus beurteilen? Und unisono antwortete die Klasse: Bei-leibe-nicht, und er wiederholte: Beileibenicht.

Auch Mädchen gibt's mit sanften Fohlengesichtern, von samtener Haut, mit roten Wangen und großen Pferdeaugen. Einige lernte ich kennen, als ich, nach der Gefangenschaft für einige Monate im heimatlichen Pferdemilieu, eine Diskussionsgruppe leitete. Diese Warendorfer Fohlen waren treu, arbeitsam, sie bewegten sich und ihre Gedanken mit bedächtiger Schnelle und herbem Charme, schwiegen viel, was sie redeten, war bündig, gingen in strammen Miedern, rochen nach Juchten, hatten große Füße und kräftige Waden, weiche Münder, wie nur Füllen sie haben, hatten haltbare Schenkel und waren nur zweimal im Jahre heiß, zum Feste Mariä Himmelfahrt, wenn sie nach dem Gang unter die gasbeleuchteten Bögen und durch die geschmückten Straßen in den Büschen verschwanden, und im Winter zu Karneval.

Mit ihnen konnte man Pferde stehlen. Und etwas Ähnliches haben wir auch getan. Irgendwer kam auf die Idee, die immer gleiche Pferdestall-Atmosphäre, so heimelig sie sein mochte, müßte durch geistige Ideen belebt werden. Also erfanden wir Anton Sebastian Nepomuk Papendiek, erfanden Geburtstag, -Jahr und -Haus am winzigen Heumarkt mit den schiefen Giebeln, erfanden eine ganze Biographie und Dokumente, die bezeugten, daß der Warendorfer Papendiek der Erfinder des Schulwanderns war, erfanden Eingaben an den regierenden Fürstbischof in Münster, die nachwiesen, daß Papendiek schon vor zweihundertfünfzig Jahren gegen die Prügelstrafe plädiert hatte, erfanden Briefe an seine jungfräuliche Schwester ("Ich muß wohl sagen, der Frühling naht"), arrangierten in einem Tanzsaal einen Papendiek-Gedenk-Abend zu seinem zweihundertundfünfzigsten Todestag, fanden es schwierig, angesichts der pferdlichen Stadthonoratioren in der ersten Reihe ernst zu bleiben, regten selbigen Abend Stadtväter dazu an, im Parlament eine Papendiek-Straße vorzuschlagen und ließen wenige Tage später das Ganze platzen, so daß alle Pferde in Warendorfs Ställen wieherten, das war ein Getöse in der Landluft, und machten uns aus dem Stallgeruch, die Füllen an eine Universität, die Stuten in eine Ehe, die Falben in den Süden, die Schimmel in den Norden und die Zelter in den Westen.

Ich bin ihr außer auf Fotos nie begegnet, der Dichterin aus Ostpreußen - da sie tot ist, verschweige ich ihren Namen -‚ die ihren Führer angedichtet, sein "Werk" bedichtet, die Tage der Bomben und Trecks äußerlich heil überstanden, sich im Westen heimisch gemacht und sich in Warendorfs guter Stube hat feiern lassen als Balladeuse des Echten, Einfachen und Wahren, das angeblich nur noch auf dem Lande anzutreffen ist, in sogenannten ursprünglichen Bezügen. Ich kann also nicht sagen, ob sie nach ihrem Liebes-Kontakt mit dem sauberen Städtchen ein Gesicht bekommen hat wie Warendorfs Pferde. Die stehen meinem Herzen außerdem zu nahe, als daß ich es annehmen dürfte.

Sicher aber scheint zu sein, daß sich die Dickfelligkeit einiger Warendorfer ihr gegenüber pferdegleich ausnahm. Denn immerhin trachteten sie danach, mit dieser Frau das nicht eben lebenstrotzende Kulturleben zu beleben. Eine merkwürdige Vorstellung sowohl von Lebendigkeit als auch von Kultur. Mit einigen Zeilen und Geburtstagswünschen dieser Frau hängt doch wohl, wenn auch locker, für den Durchblickenden zusammen, daß es heute im Städtchen nur noch einen Juden gibt, der, wenn ich richtig unterrichtet wurde, Pferdehändler geworden ist, mit Recht. Auch in Warendorf stand bei aller traditionellen Kaltblütigkeit eines Tages der Synagogenraum in Flammen, in der Freckenhorster Straße. "Die Ereignisse des unseligen 9. November", kann man im Jubiläumsbuch zur Siebenhundertfünfzig-Jahr-Feier lesen, "führten schließlich zur völligen Liquidierung der Gemeinde. Viele Warendorfer Juden starben in den Konzentrationslagern Riga und Theresienstadt." Das ist lange her. Pferde haben eine kurze Erinnerung, einige Warendorfer anscheinend auch.

Noch kurz vor ihrem Tode feierte man die Dame aus Ostpreußen in der Emsstadt wie ein Genie der Literatur, stiftete eine Plakette ihres Namens, die sich mit ihrem Namen in die Dichterakademie hatte aufnehmen lassen, nachdem Thomas und Heinrich Mann, Oskar Loerke, die Juden Franz Werfel, Alfred Döblin, Alfred Mombert, Jakob Wassermann und andere hinausgefeuert worden waren. Vielleicht ist die Kunde davon noch nicht bis an die Ems gedrungen. Auch die treuesten Pferde haben ihre Nucken.

Wichtiger als das preußische Landgestüt am Sassenberger Tor ist nach meinem Fortgang das Olympische Komitee für Reiterei geworden. Der große Hans Günter Winkler hat dort sein mondänes Menschen- und Pferde-Domizil, der große Amateur (wer hat ihm das bezahlt?), der Uwe Seeler der deutschen Reiterei. Halla, die Prächtige, die Goldige, die große Unvergeßliche, die Retterin der bundesdeutschen Ehre auf den Parcours der abendländischen Welt hat dort gestanden. Und als sie dort stand, muß in Warendorfer Nächten manch ein Ehrfurchtsschauer gehaucht worden sein. Ich habe jedenfalls etliche Ein- und Zugeborene Hallas Namen wie den ihres Gottes aussprechen hören. Heute ist Halla, wie ich höre, hinabgesunken in die Gemeinsphäre des Sexus, denn heutzutage darf die Deflorierte nur noch das Glück der Mutterschaften auskosten, nicht mehr das der Kränze, Pokale und Medaillen. Sic transit gloria mundi. Ich weiß nicht genau, ob in Hallas Glanzzeiten sie selbst oder ihr Zureiter mit einem Sack Zucker zum Ehrenbürger von Warendorf ernannt wurde. Auf alle Fälle hat jemand einen Ehrenbürgerbrief bekommen. Ein Königreich für ein Pferd.

Das Olympische Komitee ist ein solches, wo - wie man im erwähnten Jubiläumsalmanach erfährt - "Reiter und Pferde zusammengezogen und ausgebildet werden, die berufen sind, die Qualität der Produkte der deutschen Pferdezucht und den anzustrebenden Hochstand der deutschen Reiterei auf allen Kampfstätten des Inlandes und des Auslandes, zuhöchst bei den Olympischen Spielen, zu vertreten ... Das Deutsche Olympia-Komitee für Reiterei ist das Zentrum für alle reiterlichen Bestrebungen in Deutschland... Es hütet eine gewaltige Tradition... Sein Einfluß ist in allen Belangen der Pferdezucht und der Ausbildung von Reitern deshalb so weittragend..."

Denk ich so an Warendorf in der Nacht, dann bin ich um meinen Pferdeverstand gebracht; dann sattle ich um; dann setze ich einen Hafermotor gegen alle Pferdestärken; dann geh' ich ein Königreich stehlen für ein Pferd; dann schwinge ich mich auf die begrabene Mähre und mache die Klepper scheu direkt vor der Apotheke; dann zeige ich meinen Pferdefuß. Heilige Rosinante, heiliger Maestoso, heiliger Lippizaner, bittet für mich. Dem Denken geht der Beschäler durch in der Stadt ohne olympische Pegasusse, olympische Buzephalen, Houynhnhun. In der Kaltblutstadt an der Furt, der Rappenstadt, der Fohlenstadt, der schmucken Hengst- und Wallachstadt auf dem achten Längengrad.

Dann män tau, her mit dem Kranz aus Cheochienen! Greift aus, ihr Stuten, setzt über vergangene Hürden. Wahrt die Belange, ihr Ein-und-Zu-und-Aus-und-Ab-und-Zu-Reiter. Zeigt die Qualität eurer Produkte, ihr menschenähnlichen Hallas, ihr pferdegleichen Olympioniken. Züchtet euch zuhöchst, vertretet eure Beine und Hufe, zieht euch zusammen, nehmt euch zusammen, bitte ich euch, wenn's über die feindlichen Ochser geht. Bildet euch für die Olympischen Spiele, macht uns keine Schande, bitte ich euch. Legt Ehre für uns ein, bitte ich euch. Hilf uns siegen, heiliger Fury, wir reiten für Deutschland. Hilf uns, heilige Deflorata, wir reiten fürs halbe - o nein, gemäß unseres Alleinvertretungsanspruches fürs ganze, das ganze Deutschland muß es sein. Bitte ich euch, ihr Winkler-Schüler, ihr Haha-Töchter-Söhne, ihr Söhne der Pferdestadt Warendorf an der Ems. Ein Königreich für Warendorf. Warendorf für ein Pferd.


Die Satire "Warendorfer Pferde" erschien erstmals 1966 im "Atlas deutscher Autoren", Wagenbach

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