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> Jörg Heimann,  Text von 1983 zur Wahl 1949

Was sollen wir wählen?


Eines Sonntagmorgens war quer über das Straßenpflaster mit dicken weißen Buchstaben geschrieben: Wählt CDU! Auf dem Asphalt der Freckenhorster Straße stand breit, von einem Bordstein zum anderen: ZENTRUM! Auf Plakaten war zu lesen: Nie wieder Krieg! - SPD! Oder: Ollen-,Aden-, Eisenhower machen uns das Leben sauer. Wählt Max Reimann und die KPD! Oder: Unser Land soll christlich bleiben - CDU!

Ich kam gerade vom Milchholen - die gab‘s auch sonntags. Die Kinder wurden mit emaillierten Milchkannen am Henkel in den Milchladen in die Lilienstraße geschickt, wo es hinter einem großen Scheunentor kühl, feucht und sauber - manchmal säuerlich käsig - nach Milch roch. Die Groschen des Wechselgeldes in der Linken und die frisch gefüllte Kanne in der Rechten, ließen wir die Kanne am Arm immer rundherum kreisen, und freuten und wunderten uns, daß kein Tropfen Milch verlorenging.

Einkaufen war schön. Man erfüllte gewissenhaft einen Auftrag, tätigte ein Geschäft - "Zähl das Wechselgeld nach!" - und traf Klassenkameraden und andere Kinder, mit denen man wichtige Dinge besprechen konnte, z.B. daß der Bruder von dem und dem ein Schwein gestohlen habe und nun im Gefängnis sitze. Hinter dem Rathaus, am Kirchplatz, war ein Haus mit vergitterten Fenstern. Ich machte "Räuberleiter", und Eberhard stieg auf meine Schultern, um reinzugucken, ob der Schweinedieb da drin säße. Er saß da nicht.

Macht nichts, gehen wir zu Heinermann - die Bäckerei am Kirchplatz. Herrlich! Dieser Duft von frischem Brot! Der ganze Geschäftsraum bestand nur aus Holzregalen und Broten, und dazwischen liefen die Bäckergesellen mit mehligen Unterhemden und bloßen Armen herum. Das heiße Dreipfundbrot paßte so eben in die alte Einkaufstasche, aus der ein betörender Duft strömte. Viele Kinder verzichteten deshalb auf die Einkaufstasche, klemmten sich das Brot unter den Arm und konnten so auf dem Heimweg gemächlich einen Brocken nach dem andern abknabbern. Milch und Brot einzukaufen, machte Spaß, doch im Kolonialwarengeschäft Hülsmann drängten sich die Erwachsenen vor - "Du hast junge Beine, du kannst warten!" Und wenn ich dran kam - "Der Kleine wartet schon so lange" -‚ hatte ich irgendetwas immer vergessen.

Zucker, Salz und Mehl wurden mit handlichen Schaufeln aus großen Holz schubfächern in spitze Tüten gefüllt, die in einem Ring an der Waage steckten. "Darf es sonst noch etwas sein?" - "Nein, danke. Auf Wiedersehen, Frau Levenich, - bis heute abend im Kirchenchor!"

An jenem besagten Sonntag also, als ich, die Zentrifugalkraft ausnutzend, mit der Milchkanne meine Kreise durch die Luft beschrieb und dabei die Wahlparolen - die ersten nach dem Kriege! - studierte, fragte ich mich, was diese vielen Sprüche auf einmal sollten. In der Schule hatten wir ganz andere Sachen gelernt: Was Sünde ist, und den Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel, und wie alles schön grünet und blüht.

Auf unsere Fragen nach neuen Schuhen oder besserem Essen hatten die Eltern früher geantwortet: "Das ist der Krieg, und wenn der Krieg aus ist, dann wird alles besser." Jetzt hieß die Antwort immer: "Das kriegen nur die Engländer. Wir sind jetzt Britische Zone." Das war einleuchtend. Einer mußte ja schuld sein. Erst war es der Krieg. Und dann die Engländer. Was aber sollten auf einmal die vielen Parteien?

Auf dem Schulhof oder in sonstigen kindlichen Gesprächsrunden gab es sowieso nur zwei ernst zu nehmende Parteien: CDU oder Zentrum. Die Kinder, die öfter in die Kirche gingen, die immer Namenstag statt Geburtstag und Weihnachtsmorgen statt Heiligabend feierten, waren für Zentrum. Meine Mutter meinte, sie, als Beamtenwitwe, müßte schon CDU wählen.

"Ja, Willi", so stichelte sie gegen meinen Onkel, "dann bist du ja wohl der einzige in der Familie, der SPD wählt." Onkel Willi: "Ja, leider. Dabei brauchte die Arbeiterwohlfahrt viel mehr Einfluß hier in Warendorf. Wer kümmert sich denn sonst um die Flüchtlinge in den Baracken an der Tönneburg?" Meine Mutter: "Für die wird schon gesorgt." Onkel Willi: "So? Wer sorgt denn für die Vertriebenen?" Meine Mutter: "Die Stadt!" Onkel Willi: "Eben! Wir haben hier in Warendorf ein Wohnungsamt, und da stehen sie Schlange! Denen geht es nämlich nicht so gut wie entnazifizierten Beamten!" - (Peng!) Meine Mutter: "Warendorf ist eine katholische Stadt!"

Katholisch, das war Muttis letzter Trumpf in diesem Wortwechsel. Das Wort "entnazifiziert" hatte sie getroffen. Sie konterte also mit "katholisch" und "Stadt". Mit "Stadt" lenkte sie das Thema wieder weg von sich auf Allgemeines.)

Onkel Willi: "Moment mal!" - (Er sagte oft "Moment mal"!) "Das mußt du gerade sagen! Wann hast du denn zum letzten Mal mit Dechant Hast gesprochen, oder mit dem Kaplan? - Na? - Siehst Du? - Und ich habe heute nach der Ausschußsitzung mit Hast verhandelt. Der hat für die Vertriebenen mehr Verständnis gezeigt als du."

Tante Mia: "Mein Gott, Willi, du weißt doch, daß es keinen Zweck hat! Ereifere dich doch nicht so! Und immer für andere, für die bist du immer da! Schone dich doch!" Cousine Ulla: "Mach ruhig weiter, Papa, die werden schon sehen, daß du recht hast. Du hast seit 1933 recht gehabt!" So wurde bei uns Wahlkampf geführt. Jürgens Vater wählte FDP. Weil Sie ein großes Geschäft hätten, meinte er. Das wäre so. Wir hatten keins, also kam die FDP für uns nicht in Frage. Bliebe noch die KPD. Da wußte eigentlich keiner so richtig, was die wollten. Mein Freund Willi meinte, sein Vater hätte gesagt, das wären ein paar Verrückte. Und Onkel Willi sagte, das wären Kommunisten, aber mit der heiligen Kommunion hätte das nichts zu tun.

Für mich stand nun folgendes fest: Zentrum, das wählen die Damen, die bei Darpe Rosenkränze und Kerzen verkaufen. CDU ist gut, weil es fast alle wählen. SPD muß was Gutes sein, weil Onkel Willi den Flüchtlingen hilft und Onkel Willi in der SPD ist. FDP wählen Leute, die ein großes Geschäft haben, und KPD, das sind irgendwelche unzufriedenen Menschen. Meine Mutter war sich aber trotz regelmäßigen Kirchgangs letztlich doch nicht sicher, was nun zu wählen sei. Die Alternative CDU oder Zentrum bereitete ihr Kopfzerbrechen. Einen Schutzheiligen für Entscheidungen gab es nicht. - Wenn sie etwas verloren hatte, war das anders. Da betete sie kurz zum heiligen Antonius und fand alles wieder.

Jetzt half nur noch eins: Tante Nordhaus. Tante Nordhaus mußte die Karten legen: "Agnes", sprach sie zu meiner Mutter (Aussprache: Achneß) -‚"die Karten lügen nie! Sieh dir das an: König, Bube, Dame und - As! Da gibt es keinen Zweifel: Gottvater, Gottsohn, Maria und - Zentrum." So wählten denn die Bürger - an einem Sonntag, nach dem Besuch der Messe. Das alles - wohlgemerkt - aus der Sicht eines Dreikäsehochs, der außerdem noch durch Spielkarten geblufft wurde.

Auszug (S.71-74) aus dem Buch von Jörg Heimann: "An'e Ems und auf Straße - Kindheitserlebnisse aus Warendorf (Britische Zone)", Verlag J.Schnellsche Buchhandlung, Warendorf 1983
Jörg Heimann kam 1944 als Sechsjähriger aus dem zerbombten Münster nach Warendorf, wo er bis 1951 wohnte. Seine ersten Gymnasialjahre erlebte er auf dem Laurentianum. Seit 1964 ist er als Lehrer in Berlin tätig.


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