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> Klaus Gruhn,  Texte von 1990

Geschichte miterlebt :

Der Deutsche Herbst und das Laurentianum


Am 9. November 1989 wurde die Mauer in Berlin geöffnet. Am Laurentianum war dieser Tag Elternsprechtag. Spontan veranlaßte der Schulleiter den Hausmeister, die schwarz-rot-goldene Flagge als Zeichen der Freude über die friedliche Revolution in Deutschland zu hissen. Manche Eltern vergaßen, von den Nachrichten aus Berlin, Leipzig und Dresden bewegt, sich über den Leistungsstand ihrer Kinder zu informieren. Begleitet und wesentlich gefördert wurden der Ausbruch sowie die weitere Entwicklung der Revolution durch eine dramatisch anschwellende Flüchtlingswelle von Menschen, die man auch hierzulande in gedankenloser Übernahme des SED-Jargons als Übersiedler zu bezeichnen sich angewöhnt hatte.

Nun waren Sie unter uns und versuchten, sich in diese für sie so neue Welt einzuleben, auch am Laurentianum. Einige von ihnen berichteten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen:


 

RENE HÖVINGHOFF :


Ich bin Schüler der 9. Jahrgangsstufe im Gymnasium Laurentianum in Warendorf. Am 7. November vergangenen Jahres sind wir über die CSSR nach Bayern geflüchtet. Die wirtschaftlichen und politischen Zustände, insbesondere die Bedrohungen durch den Staatssicherheitsdienst gegen meine Mutter, da sie sich weigerte, in unserer Gaststätte die Gäste zu bespitzeln, ließen in uns die Entscheidung reifen, die DDR zu verlassen. Dieser Entschluß fiel uns bis zuletzt sehr schwer, denn alles, was uns am Herzen lag, wie unser Eigentum, unsere Verwandten und Freunde, ließen wir zurück. In einem Zustand panischer Angst überstanden wir die 10 stündige Autofahrt von unserem Heimatort Köthen nach Bayern. Dort wurden wir in Ingolstadt in einer Bundeswehrkaserne aufgenommen und für drei Tage betreut. Hier und in Nürnberg erledigten wir auch die wichtigsten Formalitäten. Alle waren sehr nett und freundlich zu uns, und alles war gut organisiert, obwohl das Lager erst wenige Stunden vor unserer Ankunft geöffnet worden war.

Am 11.11. verließen wir Ingolstadt und fuhren zu Bekannten nach Warendorf, wo wir im Personal-Wohnheim des Josphs-Hospitals untergebracht wurden. Über diese Unterkunft (zwei Zimmer, Dusche, WC und Küche in Gemeinschaftsbenutzung) waren wir sehr glücklich, denn wir wissen, wie schwierig es für die Bundesländer ist, so viele Menschen unterzubringen. Mein Wunsch, und der meines Bruders, hier das Gymnasium zu besuchen, wurde unkompliziert und verständnisvoll erfüllt. Durch die Unterstützung Herrn Gruhns und des Vereins Alter Laurentianer wurde uns der schwere Anfang sehr erleichtert. Die Probleme, die wir bewältigen müssen, und die sehr unterschiedlichen Einstellungen der Mitschüler und Lehrer geben uns oft Anlaß zu Überlegungen und Unterhaltungen in der Familie. Sehr viele Menschen, die wir hier kennenlernten, zeigen uns, wie groß doch die Distanz und das Unverständnis zwischen Deutschen sein können. Meiner Meinung nach wachsen Kinder und Jugendliche hier sehr behütet von Familie und Staat auf Jetzt wird mir erst richtig bewußt, was mir die DDR-Regierung in meiner Entwicklung unterschlagen hat, und daß ich nichts davon nachholen kann. Niemand kann es mir zurückgeben.

Bei dem Verständnis der Einen vermisse ich oft das Einfühlungsvermögen der Anderen. Manchmal habe ich Grund zu der Annahme, daß sich einige Mitschüler und Lehrer zu wenig Gedanken darüber machen, wie unser Leben momentan aussieht, und daß unüberlegte Worte und Reaktionen unsere Probleme noch verstärken. Sie glauben, daß unsere Flucht einem Umzug gleichkäme, und sie können sich nicht vorstellen, daß wir eine gewisse Zeit benötigen, um diese Flut von neuen Eindrücken zu verarbeiten.

Trotz aller Entbehrungen und Schwierigkeiten, die wir momentan noch auf uns nehmen müssen, freuen wir uns auf die Zeit, wenn wir einmal dazu gehören - als Deutsche in Deutschland.


 

MARIAN HORN :


Grenzübergang Gerstungen. Der Zug fährt an, und wir sind im freien Teil Deutschlands. Was lasse ich hinter mir? Vor allem eine ständige Bespitzelung und Schikanierung meiner Familie durch die Staatssicherheit, aber auch positive Dinge, wie z. B. Klassenbester zu sein, einen Lehrberuf mit Abitur in einem der beliebtesten Ausbildungsziele der DDR sicher zu haben. Die Qualifikation zum BMS-Techniker für Computeranlagen hätte mir bestimmt gefallen, denn zur EOS in Dresden, die speziell in Mathematik und Physik ausbildet, durfte ich nicht delegiert werden, wegen des Ausreiseantrages meiner Eltern.

Was erwartet mich nun hier? Alles ist irgendwie fremd und neu. Etwas Angst macht sich breit.

Aufnahmelager, dann Warendorf Die Schulen haben Ferien. So bleibt mir noch etwas Zeit, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Mein Vater bekommt sofort Arbeit in einer Spedition, denn in der DDR hat er vier Jahre in politischer Haft zugebracht, danach mußte er für wenig Geld in einer Baufirma arbeiten als Kraftfahrer. Das Arbeitsamt sieht die letzte Tätigkeit als vermittelbar. Viel Papierkrieg, aber wer es ernsthaft will, schafft viel. Wir wollen! Eine eigene Wohnung ist unser Stolz, und ich habe mein eigenes Zimmer, toll!

Ferienende, mein erster Kontakt mit dem Gymnasium Laurentianum. Herr Gruhn führt mit mir ein sehr freundliches Gespräch. Allerdings schockte mich seine Aussage, mit einem Blick auf mein Zeugnis (Durchschnitt 1,5), daß ich diese Zensuren hier nicht halten könne. Wie recht er hatte, weiß ich heute... Durch einen Zufall lernte ich auch meinen heutigen Klassenlehrer, Herrn Müller, kennen. Er kümmerte sich um Formalitäten einer Klassenfahrt, die nach Holland gehen sollte. War die Klasse nicht zu beneiden? Aus meiner Sicht schon!

Dann war er da, der erste Schultag. Wie mir zu Mute war, kann ich gar nicht beschreiben. Wie wird man mich im Klassenkollektiv aufnehmen? Mein erster Eindruck von der Klasse war: ein toller, bunter Haufen, mit dem gut auszukommen sein wird. Neugierde auf der weiblichen Seite und abwartende Haltung auf der männlichen Seite der Klasse das Resultat des Tages. Doch schon am zweiten Schultag änderte sich das Verhältnis in der Klasse zu mir, positiv natürlich. Auch die Klassenfahrt, die ich nun mitmachen konnte nach Holland, fügte mich enger in die Klasse ein. Allerdings habe ich noch immer keine feste Freundschaft mit jemandem geschlossen, aber das kann durchaus an mir liegen, denn ich bin da sehr vorsichtig, eventuell ein Überbleibsel aus der DDR, da man dort immer und vor jedem auf der Hut sein mußte.

Welche Unterschiede konnte ich nun erkennen zwischen beiden deutschen Staaten, schulisch gesehen? Da ist als erster der Stundenplan. Ich war hier sehr überrascht über die wenigen Fächer, die dort stehen. Das war in der DDR breiter gefächert. Viele Fächer, viel Lehrstoff, aber nie so intensiv, wie ich es hier kennenlernte. Auch außerschulisch fielen unzählige Stunden am Nachmittag an. Man hat in neun Schuljahren eingetrichtert bekommen, was nun im zehnten nicht mehr stimmt. Ein Problem, mit dem man erst fertig werden muß. Der Sportunterricht macht mir Spaß, auf der anderen Seite der Grenze gab es nur Leistungssport. Gut für den, der es schaffte, aber für die Mehrheit eine grausame Bürde. Mathematik: Lehrstoffmäßig ist man in der DDR voraus, aber die einzelnen Stoffgebiete werden nicht so intensiv durchgenommen, so daß es mir oft schwerfällt, den Ausführungen des Lehrers zu folgen, obwohl Herr Allmer da sehr viel Verständnis zeigt und mir behilflich ist. Naturwissenschaftliche Fächer bereiten mir weniger Kopfzerbrechen; hier ist man in der DDR im Vorteil. Englisch ist hier ganz anders gelagert. Hohes Englisch wird im anderen Teil Deutschlands überhaupt nicht gelehrt. Man begnügt sich mit dem Uingangsenglisch, d. h. ein Zurechtfinden im Alltag ist das Lehrziel. Was nun besser ist, sei dahingestellt. Politik ist eines meiner besten Fächer, endlich kann man diskutieren und frei reden, so wie man die Sache sieht. Im Fach Staatsbürgerkunde gab es ein Schema mit Lehr- und Leitsätzen sehr zum Leidwesen der Schüler, die ihren Lehrer oftmals in eine Zwickmühle brachten, wegen ihrer Ansichten darüber. Unterrricht in der Produktion heißt ein Lehrfach in der DDR, welches ab 7. Klasse unterrichtet wird. Die Schüler arbeiten in Betrieben und stellen Güter her, die im Handel verkauft werden, Unentgeltlich natürlich, aber nach Leistungsschema. Ist das nicht Kinderarbeit und Ausbeutung zugleich?

Zum Unterrichtsablauf gibt es auch einen Unterschied. Dort wurde der Stoff durchgenommen und dazu die Hausaufgabe gestellt. Hier verfährt man andersrum. Eine gute Vorbereitung auf ein eventuelles Studium.

Etwas, das mir auch immer wieder aufYällt, ist der Stand des Allgemeinwissens. Wir haben uns immer daran orientiert, was in der Bundesrepublik Deutschland so vor sich geht. Bei meinen Mitschülern und vielen anderen bemerke ich, daß sie mit der DDR, ihren geographischen oder politischen Gegebenheiten, nichts anzufangen wissen. Ich denke, darin besteht Nachholbedarf. Besonders in einer Situation wie der jetzigen.

Bedanken möchte ich mich bei allen, die mir ermöglichten, die herrliche Klassenfahrt unentgeltlich mitzumachen. Mein ganzes Streben gilt dem Ziel, versetzt zu werden. Oft zweifle ich selbst an meinen Leistungen. Ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte, Existenzangst, macht sich breit. Schlechte Leistungen kratzen an meinem Wertgefühl, geben aber meinem Ehrgeiz Auftrieb. Alles, was ich kann, werde ich ihr die Erreichung meines Zieles tun. Dabei, hoffe ich, wird mich das Lau, wie man das Gymnasium Laurentianum liebevoll nennt, unterstützen.


Text aus: "Kunst-Werk-Statt Schule? Zwanzig Jahre Arbeit und Leben im neuen Laurentianum", Hrsg: K.Gruhn, Warendorf, 1994

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