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> Begegnungen in Berlin

 
  Frau Barbe - Zur inneren Einheit aus ostdeutscher Sicht
Jugendclub am Prenzlauer Berg - Begegnung mit gleichaltrigen Jugendlichen
Besuch im Herder-Gymnasium - Religionsunterricht – freiwillig?
Missionsgebiet (Ost-) Berlin ? - In der Gemeinde St.Martin in Kaulsdorf
Lina Morgenstern Gesamtschule - Besuch einer Schule in Kreuzberg

 

Frau Barbe

Zur inneren Einheit aus ostdeutscher Sicht


Reichstagskuppel

Am 10.3.2000 trafen wir mit Frau Barbe zusammen, die mit uns aus ostdeutscher Sicht ein Gespräch über die Probleme der inneren Einheit Deutschlands führen sollte.

Frau Barbe nahm mit 14 nahm nicht an der üblichen Jugendweihe teil, sondern ließ sich konfirmieren. Dies tat sie, da sie keinen Eid auf ein System leisten wollte, das ihr fremd war. "Ich wollte mich nicht der DDR verkaufen." Dafür musste sie sich jede Woche vor ihrem Rektor rechtfertigen. Mit 18 trat sie aus denselben Gründen nicht in die SED ein. Dass sie trotzdem Verhaltensbiologie studieren konnte lag daran, dass die ehemalige DDR vorgab ein Arbeiterstaat zu sein und eine bestimmte Quote an einfachen Bürgern zulassen musste, um dies glaubhaft erscheinen zu lassen. Außerdem wollte man sich nicht den Vorwurf machen lassen, man benachteilige religiös orientierte Menschen.

Frau Barbe hatte den Mut in der DDR sich gegen die ideologisch gefärbte Staatsbürgerkunde und die Wehrkundeerziehung auszusprechen und ihre oppositionelle Haltung gegenüber dem DDR-Regime kund zu tun. Sie hatte Kontakt zu Friedens- und Umweltgruppen, die dem DDR-System kritisch gegenüberstanden. Im Herbst 1989 gründete sie mit anderen die Sozialdemokratische Partei SDP, die im Zuge des Einigungsprozesses in der SPD aufging.

Ein Gedanke von ihr, den sie mehrmals wiederholt hat und mit dem sie uns den Unterschied zwischen der ehemaligen DDR und der BRD erklären wollte, war: "Im Kommunismus ist nicht alles falsch, aber das Ganze ist falsch. In der Demokratie ist nicht alles richtig, aber das Ganze ist richtig."

Die Wende bezeichnete sie als friedliche Revolution, die zustande kam, "da die oben nicht mehr konnten und die unten nicht mehr wollten." Nach der Wiedervereinigung kam es ihr darauf an, aufzudecken, was in der DDR alles passiert ist. In dem von ihr gegründeten Büro für politisch Verfolgte leistet sie Einzelfallhilfe für Opfer des DDR-Regimes. Außerdem setzt sie sich für Frauenrechte ein.

Im weiteren Gesprächsverlauf legte sie dar, warum sie die SPD verlassen hat und in die CDU eingetreten ist. Entscheidend hierfür war die Tatsache, dass die SPD in ostdeutschen Ländern mit der PDS, der Nachfolgeorganisation der SED, zusammenarbeitet, der Partei also, die sie zu Zeiten der DDR bekämpft hat.

Frau Barbe stellte zum Schluss fest: "Wirtschaft, Vergangenheit und Kultur hält Ost und West zusammen."

 

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Jugendclub am Prenzlauer Berg

Begegnung mit gleichaltrigen Jugendlichen

Am Mittwoch nachmittag besuchten wir mit dem EW2 Kurs einen Schülerclub am Prenzlauer Berg im Ostteil Berlins. Dort angekommen waren wir erstaunt über die von außen "ärmlich" wirkende Schule und den dazugehörigen Clubraum. Es wirkte sehr trostlos und eng. Doch als wir den Schülerclub betraten, trafen wir auf sehr aufgeschlossene, junge Leute. Etwa 10 Jugendliche im Alter von 17 bis 19 Jahren begannen zu erzählen:

Basierend auf Ideen der Jugendarbeit und früheren Jugendbewegungen gründete sich 1994 der erste Schülerclub in Berlin. Im Laufe der Zeit entstanden vorwiegend an Haupt-, Real- und Gesamtschulen 50 weitere Clubs. Die Schule, die wir besuchten, heißt "Kurt-Schwitters Oberschule" und ist eine kunstorientierte Gesamtschule mit gymnasialem Zweig. Der Club arbeitet mit der Schule zusammen, ist jedoch selbstständig und finanziert sich durch einen Trägerverein. Der Club ist ein "Raum zum Leben". Er bietet den Schülern die Möglichkeiten:

  • zu kommunizieren,
  • gemeinsam zu lernen (Hausaufgaben, Abitur),
  • AG´s zu gründen, z.B. afrikanische Trommlergruppe,
  • in einer Gemeinschaft zu leben,
  • Spaß und Unterhaltung zu haben,
  • Freunde zu treffen,
  • Probleme von zu Hause zu bewältigen und darüber zu reden,
  • Abwechslung in ihrem Alltag zu bringen.
Geleitet wird der Club von einem 33-jährigen Sozialarbeiter, der von allen nur Gunnar genannt wird. Mit seiner Baumarktkette und dem Schloss am Hals, sowie seinem grünen Irokesenschnitt verdeutlicht er schon äusserlich seine Nähe zu den Schülern und seine Lebenseinstellung. Gunnar ist rund um die Uhr Ansprechpartner für Probleme mit der Familie, den Lehrern, den Freunden, und der Gesellschaft, usw. Er hilft den Jugendlichen in ihrem Umfeld klarzukommen.

Im Schülerclub ist die Atmosphäre sehr locker, da sich alle untereinander duzen und "auf einer Ebene stehen". Dies sind Gründe, die von den Beteiligten für die geringe Kriminalität und Gewalt an der Schule genannt wurden. Selbst wenn es mal zu Auseinandersetzungen kommt, werden die Konflikte selbstständig, oder mit Hilfe von älteren Schülern gelöst. Es gibt nur wenige Ausländer an der Schule und auch sog. Gangs sind eher selten anzutreffen.

 

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Besuch im Herder-Gymnasium

Religionsunterricht – freiwillig?

Während der Projektwoche in Berlin interessierte es uns, Religionsunterricht auf einer anderen Basis und in einem anderen sozialen Kontext kennenzulernen. Ein Beispiel wäre der nicht gesetzlich festgelegte Religionsunterricht. Wir besuchten das Herder-Gymnasium in Neu-Westend, eine Vorzeigeschule Berlins. Hier findet der Religionsunterricht auf freiwilliger Basis statt. Es werden keine Ersatzfächer wie Philosophie oder Ethik angeboten.

Da die Alternative eine Freistunde ist, rechneten wir damit, dass der größte Teil der Schüler diese nutzen würde. Zu unserer Überraschung nahmen die meisten Schüler allerdings am Unterricht teil und begründeten dieses mit Kommentaren wie "Macht Spaß" und "Besser als Freistunde". Diese Äußerungen beruhen auf einer lockeren Atmosphäre im Unterricht. Die Schüler haben die Möglichkeit, die Themen zu beeinflussen; dadurch wird der Unterricht durch aktuelle Themen bestimmt. Neben vielen Diskussionen fließen auch außerschulische Ausflüge, Videos und Spiele mit in den Unterricht ein. In der 11. Klasse wird auch eine Religionsfahrt veranstaltet. Beide christlichen Konfessionen werden zweistündig, in der Oberstufe einstündig, unterrichtet.

Ab dem 14.Lebensjahr steht es frei, nach jedem Thema vom katholischen zum evangelischen Unterricht und umgekehrt zu wechseln. Dieses "Springen" wird jedoch nicht oft in Anspruch genommen. Natürlich wird ihre Wahl auch von den unterrichtenden Lehrern beeinflusst. Darüber hinaus verlockt die Tatsache, daß weder Arbeiten noch Tests geschrieben werden und die Note sich auf die mündliche Mitarbeit gründet. Auch ist diese Note nicht versetzungsrelevant.

Am Ende der Diskussion stellte sich heraus, daß die Berliner Schüler ihren Religionsunterricht nicht als Wahlpflichtfach wollen, weil dadurch die lockere Atmosphäre gestört würde und die Ungezwungenheit verloren ginge.

 

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Missionsgebiet (Ost-) Berlin ?

In der Gemeinde St.Martin in Kaulsdorf

Am 9.3.2000 besuchten zwei Gruppen die katholische Gemeinde St. Martin in Kaulsdorf im Osten Berlins. Wir wurden vom Kaplan der Gemeinde und einigen Jugendlichen freundlich empfangen und in den Jugendraum im Hinterhof der Kirche geführt, zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Schnell kristallisierte sich heraus, dass der Sinn einer katholischen Gemeinschaft in der ehemaligen DDR völlig anders definiert wurde als bei uns.

Es ging darum, den Bürgern eine Möglichkeit zu bieten zur kritischen Meinungsäußerung gegenüber dem politischen System der DDR ohne der Gefahr der Bespitzelung ausgeliefert zu sein. Eine weitere wichtige Funktion der Gemeinschaften war, den Jugendlichen ein Gemeinschaftsleben bzw. einen Freundeskreis außerhalb der parteilichen Organisationen wie FDJ oder Pionieren zu ermöglichen. Da in der Schule kein Religionsunterricht erteilt wurde, weil die ehemalige DDR eine atheistische Denkweise anstrebte, war es für die Jugendlichen selbstverständlich den außerschulischen Religionsunterricht zu besuchen. Damit kam man aber nicht in den Genuß der Bevorteilungen der FDJ-Mitglieder z.B. beim Abitur oder Studium.

Trotz der damals oppositionellen Haltung gegenüber der SED wurde deutlich, dass sie sich von der BRD nicht in ihren Rechten berücksichtigt vorkommen und immer noch mit der damaligen Lebensart sympathisieren. Wir nahmen schließlich einen zwiespältigen Eindruck mit: Auf der einen Seite die Selbstsicherheit und Redegewandtheit der Jugendlichen, aber auf der anderen Seite die Uneinsichtigkeit und leichte Arroganz gegenüber den "Wessis".

 

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Lina Morgenstern Gesamtschule

Besuch einer Schule in Kreuzberg

Die Lina Morgenstern Gesamtschule ist die dritte Gesamtschule, die Anfang der 90er Jahre auf intensiven Druck der Elternschaft in Kreuzberg eingerichtet wurde. Die Schule befindet sich in Kreuzberg, einem Stadtteil, in dem an einigen Schulen bis zu 90% der Kinder nichtdeutscher Herkunft sind. An der LMG ist dies nicht so, hier liegt der Anteil dieser bei ca. 30%.

Im Gründungsjahr unterrichteten 15 Lehrer ca. 100 Schüler. Heute unterrichten an der Lina Morgenstern Gesamtschule 50 Lehrerinnen und Lehrer die 413 Schülerinnen und Schüler, von denen 40 lernbehindert sind. In integrativen Klassen unterrichten werden kleine Lerngruppen von 12-15 Sch. von denen 2-3 lernbehindert sind, von zwei L. unterrichtet.

Zu den weiteren Schwerpunkten der Schule gehören neben dem Integrationskonzept der Computergestützte Fachunterricht (ITG), der offene Ganztagsbetrieb und eine Akzentuierung im musischen Bereich. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Schule derzeit über 70 PCs verfügt, die von den Schülern auch für den Internetbereich intensiv genutzt werden- Die Schule nimmt aktiv am Projekt "Theater und Schulen" teil und sie versteht sich als Schule des Stadtteils, die eng mit den Eltern zusammenarbeitet, Kinder bis in den Nachmittag hinein betreut und sich intensiv um diverse Probleme (Sprachprobleme, geregelter Tagesablauf, Hilfe bei sozialen Problemen, etc.) der Kinder kümmert.

Kreuzberg ist mit 66% Jugendarbeitslosgkeit der sozial schwächste und darum problematischste Teil Berlins, der zugleich auch den höchsten Ausländeranteil und die höchste Bevölkerungsdichte besitzt.

Bei unserem Besuch erfuhren wir in einem Gespräch mit den Schulleiter Herrn Claudi, Zahlen und Fakten über die Schule. Schon auf dem Weg zum Büro des Direktors waren wir den vielen Schülern, die uns neugierig aus den Fernstern beobachteten und uns einzelne Kommentare zuriefen, aufgefallen. Wir wiederum waren über einzelne Verhaltensregeln, die in einem Klassenraum aushingen, erstaunt. So ist es der Schule wichtig, dass ihre Sch. regelmäßig ihre Mahlzeiten zu sich nehmen. Beim Besuch einer Unterrichtsstunde fiel uns auf, dass es durchaus Spannungen der Schüler untereinander gab. Wir führten dies auf die unterschiedlichen Wertauffassungen zurück.

Abschließend kamen wir zu dem Ergebnis, dass diese Schule mit weitaus mehr kleineren und größeren Problemen umgehen muß als wir es uns vorstellen konnten. Dieser Besuch hat dazu beigetragen, einige Vorurteile abzubauen.

 

Autorengruppe Stufe 11,  HTML: R.Baumgarten, R.Seggelmann, M.Gewering, T.Gewering


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