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Anne Schulze  
Gymnasium Laurentianum  
Klasse 10D  
Fach : Deutsch  
Halbjahr: 2/2000  



ABSCHIED NEHMEN

Sie stand im Regen. Ihr Mantel schützte sie schon lange nicht mehr. Die Nässe breitete sich langsam aus. Doch sie bemerkte es nicht. Der Regenschirm in ihrer Hand war längst vergessen. Niemand hatte sie darauf vorbereitet, wie es sein würde. Sie starrte nach unten und ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

Es war ein Mittwoch gewesen, der alles veränderte. Ein trauriges Lächeln zog über ihr Gesicht, als sie sich erinnerte. Ihre Mutter hatte auf dem Sofa gesessen und die Dämmerung fiel gerade ins Wohnzimmer. Seit diesem Tag hatten sich drei Worte in ihre Gedanken eingebrannt und waren unwiderruflich gespeichert. "Ich werde sterben." Ihre Mutter war krank. Sie wusste es seit dem Sommer. In dem Moment, als ihre Mutter es gesagt hatte, war alles Blut aus ihrem Gesicht gewichen, und eine Folge von verwirrenden Bildern war ihr durch den Kopf geschossen. Es war, als wäre die Zeit in diesem kurzen Augenblick zum Stillstand gekommen, und plötzlich hatte sie verstanden, was in den vergangenen Monaten passiert war. Sie hatte verstanden, warum ihre Mutter so abgemagert war, sie hatte verstanden, warum sie so müde aussah, und die vielen "dringenden" Termine. Alles war plötzlich sonnenklar gewesen. Warum das Weihnachtsfest ein ganz besonderes werden sollte... Warum sie ihr die Kette geschenkt hatte, die zuvor ihrer Mutter gehört hatte und davor deren Mutter, ihrer Urgroßmutter... Alles hatte vollkommen zusammengepasst und gleichzeitig hatte nichts einen Sinn ergeben. Ihre Mutter musste sterben... "Nein, nein...", hatte sie geflüstert, "das muss ein Irrtum sein..." Aber es war kein Irrtum gewesen, und als ihre Mutter es noch einmal gesagt hatte, war alles wie ausgelöscht gewesen. Ihr war schwindelig geworden, sodass sie sich am Sofa hatte festhalten müssen, um nicht zu fallen. Sie hatte zwei Vögel auf der Terrasse gesehen, die sich um Brotkrümel stritten, der Nachbar hatte gerade die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Normale Bilder aus dem alltäglichen Leben, Dinge, die sie zuvor gar nicht bemerkt hatte, und die sie damals zornig gemacht hatten. Sie hatte die Augen geschlossen und hatte gewollt, dass alles vorübergehen würde. Immer wieder hatte sie ihre Mutter sagen hören: "Es tut mir leid". Wo doch sie das hätte sagen sollen. Das wusste sie jetzt, aber sie war damals zu benommen gewesen, um überhaupt etwas über die Lippen bringen zu können. In ihrem Innersten hatte sie gewusst, dass es nicht vorübergehen würde. Sie hatte ihre Mutter im Arm gehalten, sie hatte nicht gewusst, was sie sonst hätte tun sollen. Tränen waren ihr in die Augen getreten. Sie war nicht der Fels gewesen, der sie hätte sehen sollen und den ihre Mutter gebraucht hätte.
An dem Tag, als ihre Mutter es ihr gesagt hatte, hatte die Familie noch lange zusammengesessen. Ihre Mutter hatte ihr geduldig alle Fragen beantwortet. Sie hatte nicht gewusst, wie lange sie noch leben würde. Im Sommer hatte sie sich noch gut gefühlt. "Es kommt schleichend", hatte sie geantwortet. "Du fühlst dich wohl, und wenn dein Körper keine Abwehrkräfte mehr hat, fühlst du dich nicht mehr wohl."
Später hatte ihre Mutter gesagt, dass seit der Diagnose sieben Monate vergangen seien. Die Ärzte hatten ihr ein Jahr gegeben, vielleicht auch weniger. Ihre Augen waren am nächsten Tag geschwollen gewesen, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Sie hatte alle Phasen von Schock, Verleugnung, Zorn und Trauer wieder und wieder durchlaufen, die ganze Nacht hindurch, hatte gebetet, dass es nicht wahr sein möge, dass es ein grässlicher Alptraum sei.

Von den Menschen, die ihr nahe waren, war noch nie einer gestorben, zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Ihre Großmutter starb, als sie drei war, aber sie hatte keine Erinnerung daran, an die Zeit unmittelbar nach ihrem Tod. Sie hörte natürlich Geschichten, sowohl von ihrem Vater als auch von ihrem Großvater, aber für sie waren sie nichts mehr als das: Geschichten.

Sie hatte Angst gehabt, so große Angst wie nie zuvor, nicht nur ihretwegen, sondern auch um sich selbst. Sie hatte in der ständigen Angst gelebt, einen Fehler zu machen, etwas zu tun, das sie hätte kränken können. Hatte sich nicht getraut in ihrer Gegenwart wütend zu werden, geschweige denn über die Zukunft zu sprechen.
Drei Monate nach jenem Abend kam ihre Mutter nicht zum Frühstück hinunter in die Küche.

Der Regen hatte den Boden unter ihren Füßen allmählich in Matsch verwandelt. Sie war alleine, alle waren schon gegangen. Alles was noch übrig war, waren ihre Erinnerungen. Mit einer schwachen Bewegung, warf sie den Blumenstrauß in das Grab vor ihr. Warum hatte sie ihr nicht schon früher etwas gesagt? Das war eine Frage, die sie ihrer Mutter nicht gestellt hatte, die Frage, die ihr immer im Kopf herumgegangen war. Es würde noch lange dauern, bis sie würde Abschied nehmen können. Sie wandte sich ab und ging durch den Regen mit dem Regenschirm in ihrer Hand dem Eingang entgegen.




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