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Gymnasium Laurentianum
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Schulprogramm von 1594
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Ein Schulprogramm der Lateinschule
aus dem Jahre 1594
Übersetzer A. Meier / H. Meyering
Das bisher unbekannte Schulprogramm der Warendorfer Lateinschule aus dem Jahre
1594 lagert im Diözesanarchiv Münster unter WAF St. Laur. A 51 und kann hier erstmals
veröffentlicht werden. Es gewährt einen umfassenden Einblick in die innere Gestalt
der Schule, ihren geistigen Anspruch und ihre Bedeutung.
Die Tatsache, daß Betuleius sein Schulprogramm am Portal der Alten Kirche anschlug,
bedeutete einerseits ein Bekenntnis zum Calvinismus und zu evangelischer
Frömmigkeit, andrerseits eine Kampfansage an die katholische "Diaspora" in Warendorf
und den Archidiakonus bzw. den Bischof. Das nahm Johann Hoyer, der Pastor
der Alten Kirche, nicht unwidersprochen hin und wies deshalb in seinen
Anmerkungen am linken Rand des Dokuments auf die calvinistischen Grundzüge des
Schulprogramms hin, das er dann vermutlich seinem Vorgesetzten übersandt hat.
Rector Scholae Warendorpensis Gosquinus Betuleius:
Etsi lector humanissimne, ignorare non possumnus praesentem in hac Scholarum
optime institutarum proposita multitudine et copia quae vera, quaeque discentium
aetati accommodatissima sit institutio. Tamen cum nos Dei Opt: Max: benignitas ad
istius Scholae inspectionem vocavit, quae ab occuratam institutionem intra muros
ei passim locum commendationis haud contemnendum sortita est, Sequemur
quanium in nobis erit in tradendis artibus, praecipueque tenerae juventuti alia
praecepta quam hactenus imbibere sine piis maximo incommodo proponi
nequeant, antecessorum nostrorum virorum etiam doctissimorum cogitationes et
vestigia. Et id etiam potissimum hoc nomine quod conatus isti superiores suo fructu
non caruerint, nos. vero in primo Articulo laborum nostrorum de loci conditione
/:quod alii expectant:/ deque progressu discipulorum plene dicere, et disponere non
possumus, ei continuabimus per Hiemem quidem quae diximus antecessorum
inchoata ei agitata exercitia. De caetero uti fidem ei diligentiam sic plene descriptum
nostrum Judicium tibi pollicemur: vale. L. H. et Deo Opt: Max: Magistratum et
labores nostros tuis praecibus diligenter commendato. Cursim. Idibus Septemb:
ANNO reparatae salutis. M.D.94
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Der Rektor der Warendorfer Lateinschule Gosquinus Betuleius:
Wohl wissen wir, geneigter Leser, bei der jetzt zur Verfügung stehenden großen
Anzahl von gut eingerichteten Schulen genau, welcher Unterricht richtig und dem
Alter der Schüler angemessen ist. Trotzdem werden wir, da uns die Gnade des
allgütigen, allmächtigen Gottes zur Leitung dieser Schule berufen hat, die wegen
ihres sorgfältigen Unterrichts in unserer Stadt und im Lande einen
außerordentlich guten Ruf genießt, bei der Erteilung des Unterrichts in den Künsten
und Wissenschaften den so vorbildlichen pädagogischen Überlegungen unserer
gelehrten Vorgänger folgen, soweit es in unseren Kräften steht.
Insbesondere für junge Menschen können ja andere Lehren, als sie sie sich bisher
zu eigen gemacht haben, nicht ohne großen Schaden für sie selbst dargeboten
werden; und dies außerdem mit der Begründung, daß die Unterrichtstätigkeit
unserer Vorgänger so erfolgreich war.
Im ersten Abschnitt unserer Tätigkeit können wir noch nicht - was vielleicht hier
und da erwartet wird - über die besondere Situation unseres örtlichen
Schulwesens und seine weitere Entwicklung ausführlich berichten. So wollen wir
während des Winters zunächst den von unseren Vorgängern begonnenen und
durchgeführten Unterricht, von dem wir gesprochen haben, fortsetzen.
Im übrigen versprechen wir dir Zuverlässigkeit und Sorgfalt sowie eine ausführlich
dargelegte Beschreibung unseres Lehrprogramms.
Gehab dich wohl, geneigter Leser, und empfiehl dem allgütigen, allmächtigen Gott
unser Amt und unsere Bemühungen in deinen Gebeten! Dies in Kürze und Eile.
Am 13. September, im Jahre des erneuerten Heils 1594
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Index praelectionum per classes distributos
III. classis propiae
In hac Classe praecepta Logices et Rhetorices Ramae praecipue tractabuntur,
quarum usus in Libris Authorum probatissimorum D. Pauli et Cor: I. Ciceronis
oratione pro L. Manilia et Demostenis Olynthiaca. I. proponetur.
III. et IV. communes
Artium p(rae)cipuarum Grammaticae Dialecticae et Rhethoricae ea erit explicatio ut.
utrique classi usui sit et satisfaciat et Libri primi Aeneidos Vergilii, suis horis
distincta explicatio suscipietur.
VI. et V. communes
Epistolarum Cic: famil: Lib: I. Vergilii Bucolica et Terentii Andria
V. ei VI. communes
In hisce classibus plena et integra erit totius Grammaticae interpretatio, cuius
Analysium ostendit collega in Lib: I. Ovid. Trist: Floribus illustrium Poetarum,
Epistolis Familiaribus suis horis proponentur.
VI. et VII. communes.
Lib: I. Dialogorum Mat: Cor: et Nomenclaturae Rudimenta vero Grammaticae et
Syntaxeos propria erunt alterius classis quae collega exercebit in explicatione
Distichorum Moralium.
Caeteri discipuli literas cognoscere, syllabas coniungere, legere et scribere
docebuntur.
Praeter supra notatos autores ad pietatem exercendam recitationes etiam Bibliorum
quotidianas instituemus, diebus Dominicis et Festivis Evangeliorum ei Epistolarum
Paraphrasis Graeca Latina Germanica tradetur. Sabbat horis disputationes
praelectionibus accomodatae in singulis Classibus vigebunt dispositiones, et Exercitia
solutae et ligatae orationis vicissim succedent, Praecepta artium et caeterarum
praelectionum potissima Capita omnibus Horis recitabuntur.
Deus Opt: Max: H. L.
te et nos gubernet. Iterum: vale.
Initium Deo annuente fiet circa Non: Octob:
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Vorlesungsverzeichnis für die einzelnen Klassen
Eigene Vorlesungen für die Klasse III
In dieser Klasse werden in erster Linie die "Logik" und die "Rhetorik" von Petrus
Ramus behandelt werden, deren Nutzen sich in den Büchem folgender bewährter
Schriftsteller zeigen wird: Hl. Paulus, 1. Korintherbrief Cicero, Pro lege Manilia Demosthenes,
1. Olynthische Rede
Gemeinsame Vorlesungen für die Klassen III und IV
Die methodische Unterrichtung der grundlegenden Kenntnisse, nämlich der
Grammatik, Dialektik und Rhetorik, wird so sein, daß sie für beide genannten
Klassen nützlich und zufriedenstellend sein wird.
Die davon getrennte Lektüre des 1. Buches der Äneis Vergils werde ich in eigens
dafür vorgesehenen Stunden durchführen.
Gemeinsame Vorlesungen für die Klassen VI und V
Cicero, Epistolae ad familiares, Buch 1
Vergil, Bucolica Terenz, Andria
Gemeinsame Vorlesungen für die Klassen V und VI
In diesen Klassen wird eine vollständige und gründliche Erklärung der gesamten
Grammatik geboten werden; die einzelnen Regeln erklärt mein Kollege anhand des
1. Buches von Ovids Tristien.
Für die Lektüre folgender Schriften sind eigene Stunden vorgesehen:
Flores illustrium poetarum
Cicero, Epistulae ad familiares
Gemeinsame Vorlesungen für die Klassen VI und VII
Das 1. Buch der Dialoge Mat: (?) Cor: (?)
und die Grundbegriffe der Formen- und Satzlehre sind besonders der einen Klasse
vorbehalten; sie wird mein Kollege während der Behandlung der Disticha moralia
üben.
Die übrigen Schüler werden Unterricht erhalten, um buchstabieren, Silben zu
Wörtern verbinden, schreiben und lesen zu lernen.
Abgesehen von den oben genannten Schriftstellern werden wir zur Einübung der
Frömmigkeit auch tägliche Bibellesungen einrichten. An den Sonn- und Feiertagen
wird den Schülern eine griechische, lateinische und deutsche Paraphrase der
Evangelien und der Episteln vorgelegt werden.
In den Samstagsstunden werden Gespräche, die den Vorlesungen angepaßt sind,
in den einzelnen Klassen intensiv durchgeführt werden. Übungen in freier und
gebundener Rede werden im Wechsel folgen. Die Lehrinhalte und die wichtigsten
Kapitel der übrigen Vorlesungen werden in allen Stunden wiederholt werden.
Der allgütige, allmächtige Gott möge dich, geneigter Leser, und uns leiten!
Nochmals: Gehab dich wohl!
Wir werden mit dem Unterricht, so Gott will, um den 9. Oktober beginnen.
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Collata et auscultata est haec copia cum vero suo originali - ad valvas templi affixo -
per me Johannem Dinker Notarium publicum.
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{Beglaubigungsvermerk rechts unten}
Diese Abschrift ist, auch durch Vorlesen, mit dem Original - das am Kirchenportal
angeschlagen wurde - genau verglichen worden durch mich, Johannes Dinker, öffentlicher Notar.
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magnum eorum locorum quibus possit Catholic(ae) Rom:(anae) religionis oppugnari veritas
secundum translationem Bezae sed alieno titulo Erasmi Roterod:(ami)
ex institutionibus Joannis Calvini confessione Bezae controversiis Antonij Sadielis
Pastor vet:(eris) Eccle(siae) ad S. Laurentium in Warendorp
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{Die kritischen Hinweise des Pastors Johann Hoyer am linken
Rand des Dokuments}
ein wichtiger von den Punkten, mit denen man möglicherweise die Wahrheit der römisch-katholischen
Religion anfechten kann
nach der Bibelübersetzung des Beza, aber unter dem falschen Autorentitel des Erasmus von Rotterdam
anhand der "Institutio" des Johannes Calvin 1), der "Confessio"
des Beza 2), der "Controversiae" des Antonio Sadelis 3).
Der Pastor der alten Pfarrei St.Laurentius zu Warendorf.
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1) Johann Calvin (Jean Cauvin, 1509-1564), bedeutendster Reformator neben Luther und Zwingli. Sein
Hauptwerk: Institutio religionis Christianae.
2) Theodor Beza (de Bèze, 1519-1605), engster Mitarbeiter Calvins, setzte nach Calvins Tod dessen Werk
fort. Als Textkritiker, Übersetzer und Erklärer des Neuen Testaments sowie als Kirchenhistoriker
erwarb B. einen bleibenden Namen.
3) Jacopo Sadoleto (1477-1547, von Johann Hoyer irrtümlich Antonius Sadelis genannt), röm-kath.
Bischof, Verfasser zahlreicher Bücher und Schriften, u. a. eines Kommentars zum Römerbrief. Dieser
Kommentar wurde wegen einiger darin geäußerter Ansichten, die von der röm. -kath. Gnadenlehre
abwichen, verboten; denn mit ihnen schien sich S. der calvinistischen Prädestinationslehre
anzunähern.
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Zitiert aus dem Buch "Von der Lateinschule zum Gymnasium
Laurentianum Warendorf - 1329-1979", Warendorf 1979, Selbstverlag des Gymnasium Laurentianum,
Text auf Seite 48 ff.
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