Hubert Huppertz
Laurentius
Das Gymnasium Laurentianum, die nach dem Pfarrpatron der
Warendorfer Hauptkirche benannte Lateinschule, versucht sich
seines Namenspatrons zu erinnern. Laurentius, "der mit
Lorbeer Geschmückte", soll am 10. August 258 in der
valerianischen Verfolgung für Christus gestorben sein. Die
von Kaiser Konstantin um 330 über seinem
Grab errichtete Basilika S. Lorenzo fuori le mura gehört
zu den sieben Pilgerkirchen
Roms. Sein Fest am 10. August ist nach dem Fest Peter und
Paul das bedeutendste der
alten römischen Liturgie. In der abendländischen und
orientalischen Kirche wurde
Laurentius von allen Märtyrern am meisten verehrt und
behauptet bis heute seinen
Platz im ersten Hochgebet der römisch-katholischen Messe
zwischen den Heiligen
Cyprian und Chrysogonus.
Um so erstaunter stellt man fest, daß Laurentius in der
großen Biographiensammlung
von Peter Manns nicht zu finden ist, weil er dem
Aufnahmekriterium dieser Sammlung nicht entspricht.
Es "wurden grundsätzlich nur Heilige in unsere
Sammlung aufgenommen, die über ihre Viten hinaus durch
andere Quellen geschichtlich bezeugt
und bekannt sind". Das trifft für Laurentius
nicht zu, da seine Erwähnungen bei Ambrosius, Leo dem
Großen, Augustinus und Prudentius voneinander
abhängen.
Auch bei Eusebius gibt es nicht die geringste Notiz über
Laurentius, obwohl er im siebten Buch seiner
Kirchengeschichte ausführlich über die valerianische
Verfolgung berichtet. Andererseits darf die historisch
bis in die Zeit der Konstantinischen Wende belegbare
Verehrung des Heiligen nicht gering geachtet
werden.
Halten wir uns an die Erinnerung, wie sie vor allem
die Legende ins Herz des gläubigen
Volkes eingegraben hat. Sie erzählt von einem
jungen Spanier, den Papst Sixtus
(Xystos) II. wegen seiner liebenswerten Menschlichkeit
ins Herz schloß und unter die
sieben Diakone für die Armenpflege aufnahm. Als er
selbst unter Kaiser Valerian
(253-260) verhaftet und vor Gericht gestellt wurde,
vertraute er Laurentius die
römische Gemeinde an. Das Gerede von Kirchenschätzen
führte zur Verhaftung des
Laurentius. Dem kaiserlichen Versprechen, bei
Auslieferung der Schätze Leben und
Freiheit zu bewahren, antwortete der Diakon mit
der Bitte um drei Tage Zeit. "So will
ich vor dir ausbreiten, was wir Christen
als unser kostbarstes Gut erkennen."
In den zugestandenen drei Tagen verteilte
Laurentius das ganze Kirchengut an die
Bedürftigen und erschien nach Ablauf der Frist vor
dem Kaiser,umgeben von Lahmen
und Blinden, Ausgestoßenen und Kranken, Armen und
Verachteten. "Das ist der unvergängliche
Schatz unserer Kirche. Achte ihn nicht gering!"
Der eiserne Rost, auf dem
Laurentius bei lebendigem Leibe verbrannt wurde,
war die kaiserliche Antwort. Soweit die Legende.
Die Armen als unvergänglicher Schatz der Kirche; ein
Diakon, der das Kirchengut
verschenkt: bemerkenswerte Gegenbilder zu einer
reich und mächtig gewordenen
Kirche, deren alles vertragender Magen zum verspotteten
Symbol ihrer Entartung wurde. Die überaus große Verehrung
für einen solchen jungen Mann, in dem der arme Jesus
ohne viel Interpretationskünste erkennbar war, ist eines
der sicheren Zeichen dafür, daß Sein Geist in seiner Kirche
lebendig bleibt und nicht auszulöschen ist.
Die seit Jahrzehnten zu beobachtende Parteinahme der
Kirchen für die Armen in der Dritten Welt - in treuer
Parallele zu Laurentius immer wieder mit dem Leben bezahlt
von Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien - sie
verhindert es, in Laurentius eine der seltenen Ausnahmen
von der schlechten Regel zu sehen. In diesem Sinne
Laurentianer zu sein, ist eine Herausforderung, die
anzunehmen sich lohnt.
Hubert Huppertz war Oberstudienrat am Gymnasium Laurentianum. Er
unterrichtete katholische Religion. Mancher wird erinnern, dass er
auch den Kontrabass im großen Schulorchester spielte. Dieser
Text stammt von 1984. Er ist entnommen: "Zehn Jahre
neues Laurentianum Warendorf, 1974-1984, Geprägte Form, die lebend sich entwickelt", Warendorf 1984.