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Gymnasium Laurentianum
[  Unser Chronogramm  ]
 

Johannes Spitzer

Das Chronogramm im neuen Laurentianum

Nach dem Bezug im Jahre 1974 blieb das neue Gebäude zwar nicht ohne Kunst - man denke an den "Drahtbaum" und die schamhaft etwas abseits aufgestellten Röhren -‚ aber es dauerte noch fünf Jahre, bis das Haus seine Namensinschrift erhielt: "Gymnasium Laurentianum Warendorf".

Der Förderkreis erbot sich nun, noch etwas zur Ausschmückung der Schule zu stiften. Es wurde ein Chronogramm gewählt, gegossen in edler Bronze, das Bezug haben sollte auf die Fertigstellung des neuen Gebäudes und auf das, was sich unter dem Begriff "Gymnasium" in diesem Haus vollzieht.

Nach der letzten Unterrichtsstunde des Jahres, in dem die Schule ein Jubiläum - "Von der Lateinschule zum Gymnasium Laurentianum 1329-1979" - gefeiert hatte, am 20.12.1979, wurde die Bronzetafel im PZ von Frau Vogel und Herrn Reifert feierlich enthüllt. Die Inschrift lautet:


Chronogramm

Was ist nun ein Chronogramm? Das Wort ist griechischen Ursprungs; beide Bestandteile sind bekannt, Chronos z.B. von Chronometer - "Zeitmesser" oder von Chronologie, der "Lehre von den zeitlichen Daten". Chronos heißt also "Zeit". Der zweite Teil ist geläufig etwa von Telegramm - "Fernschreiben" oder von Epigramm - "Aufschrift". Gramm ist etwas Aufgezeichnetes, Aufgeschriebenes. Chronogramm bedeutet dann "Zeit"- bzw. "Datumsinschrift".

Allerdings hat die Sache einen Haken: Das Datum versteckt sich in einem lateinischen Satz. Der Leser hat also gleich zwei Rätsel zu lösen. Einmal muß er den lateinischen Satz entschlüsseln, zum anderen sich das Datum regelrecht zusammensuchen.

Manche lateinischen Buchstaben haben die Eigenschaft, zugleich auch Zahlzeichen zu sein. Jeder kennt diese "römischen Zahlen". Bei einer zusammengesetzten römischen Zahl sind die Zeichen nach ihrem Wert geordnet: Folgt der kleinere Wert auf den größeren, wird addiert; ist es umgekehrt, wird subtrahiert. Beim Chronogramm ist das einfacher. Hier wird unabhängig von der Reihenfolge immer addiert: IX = 11. Damit das Zählen leichter wird, werden alle Buchstaben, die zugleich Zahlzeichen sind, optisch hervorgehoben, meistens durch ihre Größe. Chronogramme an Gebäuden geben immer das Jahr der Errichtung oder Renovierung an. Wenn wirjetzt bei unserem Chronogramm addieren, erhalten wir das Datum 1974, das Jahr der Fertigstellung unseres neuen Hauses.

Nun zu dem lateinischen Satz, der Bezug hat zum "Inhalt" des Gebäudes. Es sollte ein einfacher, überschaubarer Satz sein; auch seltene Wörter wurden vermieden. Schon der Sextaner kann das Chronogramm übersetzen, der Primaner sich noch an der Dichte der lateinischen Sprache vielleicht erfreuen. Zunächst soll hier eine Deutung Wort-für-Wort gegeben, dann die Worte zueinander in Beziehung gesetzt werden:

schola ist ein ursprünglich griechisches Wort. Es heißt Muße, Feier und entspricht in der Bedeutung dem lateinischen Begriff otium - Ruhe von der Arbeit. Und man muß schon sagen, die Alten verstanden zu feiern. Otium oder scholè wurde ausgefüllt mit philosophischen Unterhaltungen, mit Vorlesungen und dem Erklären gelehrter Werke.

Im übertragenen Sinne bedeutet schola dann aber auch den Ort, wo otium genossen wird, d.h. wo Schüler und Lehrer zum Unterricht zusammenkommen. Und endlich meint das Wort auch noch die Gemeinschaft von Lehrenden und Lerndenden.

Latina ist eine Schule, in der Latein gelehrt und gelernt wird. Hier ist nicht der engere historische Begriff der "Lateinschule" gemeint, die wir als Ursprung unseres Gymnasiums kennen, sondern es soll zum Ausdruck gebracht werden, daß das Lateinische im gesamten Unterricht eine große Rolle spielt. Der bei weitem größte Teil unserer Schüler lernt Latein; manche studieren diese Sprache von Sexta bis Oberprima. Und schließlich gibt es kein Unterrichtsfach, dessen Sprache ohne das Lateinische auskäme. Kurz gesagt: schola Latina soll eine Umschreibung sein für "Gymnasium".

saepe oft

reformata heißt "umgestaltet", "verändert", prägnant: "verbessert". Es ist bekannt, daß das Gymnasium vielfach umgestaltet wurde und immer weiter verändert wird. Die wichtige Frage, ob nun jede Reformierung auch eine "Verbesserung" brachte, darf sich jeder selbst beantworten.

dei voluntate nach Gottes Willen. Gottes Wille ist nicht leichtfertig hier genannt. Es soll aber auch nicht theologisches Glatteis betreten und über Gott und seinen Willen philosophiert werden. Das Wort soll einfach deutlich machen, daß unsere Schule in einer Tradition steht, die das religiöse Element in der Erziehung ernst nimmt, daß wir uns abhängig wissen und dieses Wissen unseren Schülern zu vermitteln suchen.

liberis. Liberi heißt "die Freien", im engeren Sinne "die Kinder", weil sie der freie Teil der Hausgemeinschaft waren im Gegensatz zu Eltern und Sklaven aber auch zu Lehrern, die schon bei den Alten in der Regel Unfreie waren. Hier sind beide Bedeutungen gemeint: die Kinder, die zugleich frei sind im Denken, Reden und Urteilen. Daß aber auch die Freiheit Grenzen hat, zeigt die Nachbarschaft von "dei voluntate". Es besteht also innerhalb dieser Zeile ein gedankliches Spannungsverhältnis. Liberis ist übrigens dativus commodi auf die Frage: Wem zum Nutzen oder Vorteil? Also: "für die Kinder".

persaecula wird gewöhnlich übersetzt: "durch Jahrhunderte". Daß unsere Schule Jahrhunderte alt ist, braucht nicht betont zu werden. Das Wort "saeculum" ist aber etwas inhaltsträchtiger. Es ist zurückzuführen auf die indogermanische Wurzel seï - säen, lateinisch "serere". Saeculum bedeutet allgemein "Geschlecht", dann die "Zeitdauer eines Menschengeschlechts", die "Generation" als den dritten Teil von hundert Jahren. Ferner meint es aber auch - und diese Bedeutung sollte wegen des Zusammenhangs mit reformare nicht überhört werden - das Zeitalter mit Bezug auf die darin lebenden Menschen und die jeweils herrschenden Sitten, den "Zeitgeist". Wir sagen also "durch Jahrhunderte", meinen aber zugleich" durch vielerlei mehr oder weniger geistige Strömungen, "Moden".

servata "bewahrt", "geschützt", "behütet", "unversehrt erhalten". Es besteht also ein gewisser Gegensatz zu reformata - "verändert" und zu der in saecula mit anklingenden Vergänglichkeit.

Nun zu den Beziehungen der Worte zu einander: schola Latina als Subjekt ist verknüpft mit den Verbalbegriffen reformata und servata. Nicht nur durch seine Bedeutung, auch durch seine Stellung am Ende des Satzes erhält servata ein Ubergewicht. Saepe reformata läßt sich also unterordnen und zwar konzessiv: "Obwohl oft verändert ... durch Jahrhunderte bewahrt".

Nun ist noch die dritte Zeile einzuordnen. Die zentralen Worte dei voluntate und liberis lassen sich auf verschieden Weise auf die Verbalbegriffe beziehen, einmal apo koinou, dann gehören sie sowohl zu reformata als auch zu servata. Das würde heißen: "Eine Lateinschule, oft verändert nach Gottes Willen für die Kinder und doch durch Jahrhunderte bewahrt." Oder aber man macht hinter reformata einen Einschnitt und bezieht die dritte Zeile nur auf die vierte. Jetzt kann bei reformata als Gegengewicht zu dei voluntate "nach dem Willen der Menschen" zwischen den Zeilen herausgehört werden. Also: "Eine Lateinschule, oft (von Menschenhand) umgestaltet, doch nach Gottes Willen für die Kinder durch Jahrhunderte bewahrt."

Letztlich bleibt die Zuordnung von dei voluntate jedem selbst überlassen. Sie hängt im Grunde auch nicht von der Bewertung der "Reformen" ab sondern eher von der Beantwortung der theologischen Frage, ob es neben Gottes Willen noch einen anderen gibt oder geben kann.

In summa: Das Chronogramm auf der schlichten ehernen Tafel gibt das Geburtsjahr unseres Hauses an, der lateinische Satz aber kann Visitenkarte sein und Programm für das, was sich in diesem Hause vollzieht.




Johannes Spitzer, ein profilierter Altphilologe, jetzt im Ruhestand, war Studiendirektor am Gymnasium Laurentianum. Mancher alte Laurentianer wird sich an die von ihm geleiteten Studienfahrten nach Griechenland erinnern. Dieser Text stammt von 1984. Er ist entnommen: "Zehn Jahre neues Laurentianum Warendorf, 1974-1984, Geprägte Form, die lebend sich entwickelt", Warendorf 1984.


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