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Karl Heinz Weise

Johannes Hörnemann befragte den Schulleiter des Mariengymnasiums Warendorf, Herrn Oberstudiendirektor Karl Heinz Weise zu seinen Erinnerungen an 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Herr Weise ist Ratsherr in Warendorf.

Hörnemann: Herr Weise, welche Erinnerungen haben sie an die letzten 50 Jahre ihres Lebens in der Bundesrepublik Deutschland ?

Weise:  Ich erinnere mich zunächst an die Schulzeit. Ich war Schüler am Gymnasium Petrinum in Recklinghausen. Da gab es in der großen Pause Schulspeisung. Ich erinnere mich sehr gut an die Milchsuppe, da ich mich als Schüler immer so gefreut habe, wenn ich ein paar Rosinen mehr auf den Teller bekam. Außerdem erinnere ich mich an meinen Chemie Lehrer, der nicht einmal ein Studium absolviert hatte und aus diesem Grunde etwas unfähig war, uns den Stoff gut weiterzugeben. Allerdings soll es dies ja heutzutage auch noch geben ( *g* ). Ich hatte insgesamt auch nur 2 Jahre Chemieunterricht.

Damals gab es auch noch eine Übergangsprüfung, die dazu geführt hat, dass sehr viel weniger Schüler als heute den Sprung auf das Gymnasium schafften, außerdem musste zu meiner Zeit noch Schulgeld bezahlt werden. Ich habe dieses Schulgeld nur aufgrund von Fördermitteln der Stadt aufbringen können. Ich muss auch noch an die mangelnde Ausstattung mit Schulbüchern denken, da ich selten alle notwendigen Bücher zur Verfügung hatte, ich hatte z.B. sehr selten ein Biologiebuch. Dies zwang mich dazu, meinen Biologielehrer mit einem treuen Augenaufschlag zu guten Zensuren zu bringen, da ich nicht die Möglichkeit hatte zu Hause zu lernen.

Das zur Schulzeit. Ich interessierte mich sehr schnell für die Politik. Ich kann mich gut an die damaligen Redner erinnern. Mitte der 50er Jahre habe ich mich selbst stundenlang vor das Radio gesetzt, um diesen rhetorisch brillanten Leuten zuzuhören. Vor allem kann ich mich an Thomas Dehler und Reinhold Meier von der FDP, Franz Josef Strauss, Kurt Georg Kiesinger und Herbert Wehner erinnern. Wenn ich wusste, dass diese Personen an einer Diskussion beteiligt waren, habe ich mir diesen Termin gemerkt und mir dies angehört. Das lag vermutlich daran, dass die Reden damals frei gehalten wurden. Heute lesen die meisten Redner leider vom Blatt ab.

Als wichtiges politisches Ereignis kann ich mich an die Ermordung Kennedys erinnern. Ich war an diesem Tag schon Lehrer am Hittorf Gymnasium in Recklinghausen. Ich erinnere mich deshalb so genau, da ich mir selbst die Aufgabe gesetzt hatte, dies der Klasse mitzuteilen, die ich danach im Unterricht hatte. Und ich selbst war so traurig, dass mir vor der Klasse die Tränen gekommen sind. Denn Kennedy war damals ein Idol vieler politisch interessierter, auch junger Menschen. Es stellte sich jedoch später heraus, dass er bei weitem nicht so gut war wie angenommen.

Natürlich ist auch der Mauerfall in meinen Erinnerungen. Ich habe es mir immer gewünscht, u.a. weil ich in Sachsen-Anhalt geboren wurde, aber es hat nie jemand für möglich gehalten, dass Deutschland wieder zusammenwächst. Die Vereinigung selbst habe ich dann natürlich bis spät in die Nacht vor dem Fernseher verfolgt.

Während dieser Zeit war ich in Schmalkaden, einem kleinen Thüringer Ort. Es ist eine wirklich schöne kleine Stadt. Nachmittags um 16.00 Uhr läuteten dort die Kirchenglocken Sturm, woraufhin ich in die Kirche ging. Die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt. Es stellte sich heraus, dass an diesem Tag die Stasi-Zentrale des Ortes gestürmt und sämtliche Akten gestohlen worden waren. Der Pfarrer bat daraufhin die Gemeindemitglieder, die Akten zurückzugeben und hatte zu diesem Zweck Körbe in der Kirche aufgestellt. Der Pfarrer hat sich ein Jahr später, warum auch immer, in seinem Keller erhängt.

Was den Sport angeht, so fällt mir ein, dass in den fünfziger Jahren viele Fußballspiele vor den Schaufenstern von TV-Geschäften angesehen wurden, da nur wenige Haushalte über ein eigenes Fernsehgerät verfügten. Natürlich machten auch die Kneipen bei diesen Ereignissen erhöhten Umsatz. Ich denke daran, da ich mir vor allem die Spiele der Fußball WM 1954 auf diese Weise angesehen habe.

Dann war da noch ein griechischer Komponist. Mikis Theodorakis, er hat zur Zeit der Rechts-Diktatur in Griechenland, sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und Freiheitslieder komponiert. Er war kein begabter Sänger, konnte mich jedoch bei einem seiner Besuche in der Bundesrepublik begeistern, da er seine eigenen Freiheitslieder mit einer derartigen Überzeugung rübergebracht hat, welche man heute bei den meisten Sängern vermisst.

Hörnemann: Können sie ihren Eindruck über die deutsche Geschichte zusammenfassen ? Was hätte man besser machen können und was gefiel ihnen sehr gut ?

Weise: Mich hat als CDU-Politiker natürlich vor allem gefreut, wenn Wahlen waren, vor allem weil sie häufig gewonnen wurden. Ich habe diesen Ereignissen jedes Mal entgegengefiebert wie einem sportlichen Ereignis. Heutzutage denke ich aber, dass es nicht gut ist, wenn sich eine politische Partei daran gewöhnt an der Spitze zu sein, weil dann die eigene Position zu wenig hinterfragt wird. Ich denke also, dass es z.B. vorteilhaft wäre, die Amtsperiode eines Kanzlers zu kürzen. Es kann nämlich vorkommen, dass Politiker nach einer langen Amtszeit denken, das Land, das sie regieren, sei ihr Besitz.

Hörnemann: Sehen sie zwischen früher und heute irgendwelche Unterschiede in der Form zu leben ?

Weise: Man spricht ja immer von der guten alten Zeit, aber das ist natürlich Quatsch. Leider sind manche Menschen so dumm, dass sie alles Vergangene für das "gute Alte" halten, aber diese Leute vergessen dann, welche Schwierigkeiten sie in der vergangenen Zeit hatten und behalten nur die schönen Erinnerungen.

Unser Leben ändert sich zur Zeit revolutionär. Vor allem wegen der neuen Medien. Seit kurzem bin auch ich begeisterter Internet-Surfer und jage in meiner Freizeit sogar Moorhühner. Zudem bietet mir das Internet auch die Möglichkeit, vollkommen neue Abituraufgaben zu stellen, auf die ich vorher nie gestoßen wäre. Ich will damit nur sagen, dass das Leben heute nicht schlechter geworden ist, man muss sich dem neuen Leben nur öffnen.

Es gibt auch noch das Gerede, die Schüler seien schlechter geworden. Das ist der absolute Schwachsinn. In meiner Schulzeit habe ich heimlich meine nicht gemachten Hausaufgaben abgeschrieben. Der einzige Unterschied zu heute ist halt, dass die Schüler das nun ganz offen machen. Wichtig ist heute sowie damals, dass man eine Aufgabe angehen muss und etwas dafür tun muss, um sein Ziel zu erreichen. Die Jugend von heute unterscheidet sich insofern, dass sie viel mehr Stoff vorgesetzt bekommt als wir damals. Deshalb ist es auch schwieriger geworden, mit der Menge am Wissen und Informationen umzugehen.

Ich finde nicht, dass das Leben schlechter geworden ist. Und wenn die Menschen sagen, das Leben sei viel unsicherer geworden als damals, so liegt das daran, dass wir nun mehr von den Unfällen und Verbrechen in der Welt hören als früher. Wir haben heute viel eher den Überblick über das Elend der Welt.

Was sich meiner Meinung nach in den letzten 10 Jahren verschlechtert hat, ist, dass ein wesentlicher Teil der Gesellschaft an die niederen Instinkten der Menschen appelliert, um damit Geld zu machen.

Hörnemann: Ich danke ihnen für dieses Gespräch


Autor: Johannes Hörnemann

 

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