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Paul SpiegelDer Präsident des Zentralrats der Juden stammt aus Warendorf und
besuchte das Gymnasium Laurentianum bevor er nach Düsseldorf ging und
Journalist wurde. Am 24.3.2000 fand er die Zeit um der Gruppe LAU RAP 2K
einige Fragen zu beantworten.
Spiegel: Mich hat die Änderung der Meinungen und der Einstellung, auch in Bezug auf den Nationalsozialismus in Deutschland beeindruckt. In den letzten 50 Jahren hat sich da sehr viel geändert. Und dann hat mich natürlich der Fall der Mauer 1989 sehr beeindruckt. Jan Meiners: Fühlen Sie sich Warendorf verbunden, ist Warendorf ihre Heimat ? Spiegel: Was ist Heimat ? Der Geburtsort, der Ort, wo man lebt oder da, wo man leben möchte ? Ich glaube, jeder hat mehrere Heimaten. Warendorf ist meine Geburtsstadt. Als 7-Jähriger kam ich wieder nach Warendorf und wurde wieder gut aufgenommen. Ich habe dann eine schöne Kindheit in Warendorf gehabt. Es spielte damals durchaus keine Rolle ob ich Jude war oder nicht, nur einmal in der Grundschule gab es einen Vorfall, als mich ein kleiner Junge in der dritten Klasse als Saujude beschimpfte. Dieser Fall wurde geregelt und dann war Schluß. Bis 1958 habe ich in Warendorf an der Oststraße gelebt. Wenn ich die schöne Altstadt sehe und solche Orte wie die Petersiliengasse, dann habe ich viele schöne Erinnerungen. Außerdem sind hier die Gräber meiner Eltern, die ich oft besuche. Ich war auch Mitglied im SV Warendorf und spielte damals in der A-Jugend. Ich habe immer geglaubt, ein guter Fußballspieler zu sein, obwohl der Trainer mich die meiste Zeit auf der Ersatzbank ließ. Trotzdem bin ich noch ein glühender Verehrer des SV-Warendorf und hoffe immer, dass der Verein einmal aufsteigen wird.
Spiegel: Mein Vater sagte immer, ich will nicht zurückblicken, sondern in die Zukunft schauen, denn wenn ich in die Vergangenheit sehe, werde ich verrückt. Es wurde bei uns in der Familie kaum über den Holocaust gesprochen. Nur einmal hat mein Vater meiner Mutter erzählt, was während der Zeit im Konzentrationslager vorgefallen war und dann war Schluss. Mein Vater war Warendorfer, er fühlte sich so und war in Warendorf integriert. Er war Mitglied in Vereinen und fühlte sich wohl. Es gab natürlich auch Leute, mit denen er nichts zu tun haben wollte, aber Namen werde ich nicht nennen. 1938, in der Progromnacht wurde mein Vater aus unserem Haus geholt und wurde krankenhausreif geschlagen. Wir mussten lange suchen, bis wir einen Arzt fanden, der bereit war meinen Vater zu behandeln. Am nächsten Tag wurde meinem Vater dann der Gewerbeschein entzogen. Aufgrund dieser Vorfälle gingen wir nach Belgien, aber nicht wie unsere übrigen Verwandten nach Amerika, weil mein Vater glaubte, dass der braune Spuk bald zu Ende sei. Ich habe übrigens erst vor 14 Tagen von einer Journalistin Einzelheiten über den Transport erfahren, mit dem meine Schwester nach der Denunziation 1942 in eine KZ deportiert wurde. Nach 1945 war es für meinen Vater dennoch ganz klar, dass er zurück nach Hause wollte, also nach Warendorf. Ich bin französischsprachig bei katholischen Belgiern aufgewachsen und sprach kaum Deutsch. Man erzählte mir, Deutsche seien unheimliche Riesen, die jüdische Kinder fressen und aus diesem Grund wollte ich damals nicht zurück nach Warendorf, aber ich war ein 7-jähriges Kind und habe dann auch schnell Deutsch gelernt, und ich wurde von den hier lebenden Kindern und Erwachsenen ohne Vorbehalt aufgenommen. Damals bekam ich von einem englischen Soldaten einen Lederfußball geschenkt, was damals eine große Rarität war. Natürlich war ich dann der Star unter den kleinen Fußballern. Ich glaube, ich hatte noch nie so viele Freunde wie damals in Warendorf. Jonas Möllmann: Man kennt den Präsidenten des Zentralrats der Juden, aber
Spiegel: Das ist eine tolle Frage! Kennt ihr diese denn ? Ich stelle mir selbst auch immer wieder die Frage, warum soviel Wirbel um meine Position gemacht wird. Es gibt nur wenige Juden in Deutschland, immerhin 80.000, aber wenig gegenüber den anderen Glaubensgemeinschaften. Oft wird geschätzt, dass es mehr Juden in Deutschland gäbe, da unverhältnismäßig viel Rummel um sie gemacht wird. Das hat auch viel mit der Person meines Vorgängers zu tun. Ignaz Bubis war sehr aktiv in der Öffentlichkeit, er hat auch sehr viel mit Jugendlichen gesprochen. Person und Amt wurden deshalb sehr bekannt und jetzt fragen sich alle, wer ist der Typ, der soviel Mut hat, nach Bubis dieses Amt zu übernehmen? Die Situation zwischen Deutschen und Juden ist immer noch nicht normal, das wird sich auch nicht so schnell normalisieren, jetzt nicht, unter meinem Nachfolger auch nicht und unter dem Nachfolger meines Nachfolgers vielleicht auch nicht. Dafür sind 55 Jahre noch nicht lange genug und dafür ist vor 55 Jahren auch viel zu viel vorgefallen. Jonas Möllmann: Spüren sie eine Befangenheit der Menschen im Umgang mit Juden? Spiegel: Ja, und es geht darum diese Befangenheit zu mindern und offen miteinander umzugehen. Bubis sagte kurz vor seinem Tod er habe nichts erreicht, doch er hat viel erreicht. Aber Normalität im Umgang miteinander ist noch nicht da . Wie auch, wenn man immer wieder von der Schändung jüdischer Gräber hört, meist von Jugendlichen. Ich bin bestürzt über Rechtsradikale und die steigende Gewaltbereitschaft.
Michael Gläser: Rechtsradikale spielen meiner Sicht nach keine so große Rolle, aber Gewalt gibt es hier auch und es wird immer schlimmer, auch gegen Ausländer Spiegel: Wir müssen aus der Geschichte lernen. Viele Probleme, die wir heute haben, kann man auf 1933 zurückführen, die Kriegsfolgen, die Teilung usw. Dabei waren 1933 nicht alle Nazis, die die NSDAP gewählt haben, die meisten von ihnen waren nur Protestwähler. Ich habe Sorge vor solchen Rechtspopulisten wie Haider in Österreich, der wohl auch für manchen Protestwähler in Deutschland attraktiv wäre. Im Gegensatz zu 1933 haben heute die Medien zwar eine ganz andere Bedeutung, es besteht nicht mehr die große Möglichkeit sie zentral zu kontrollieren, aber auch hier müssen wir aufpassen. Ich frage mich, ob, wenn sich alle rechtsradikalen Gruppen in Deutschland zusammenschließen und ein so charismatischer Mann wie Haider kommt, ob die Deutschen davor gefeit sind... Jonas Möllmann: Fühlen sie sich eigentlich auch als Laurentianer ? Spiegel: Ja ich bin ein alter Laurentianer. Nach der 10.Klasse habe ich die Schule verlassen, weil mein Vater mir sagte, in der Schule ist man ja, um einen Beruf zu lernen, aber du kommst sowieso bei mir in das Geschäft. Ich habe das Angebot gerne angenommen, denn ich hatte damals einfach keine Lust mehr auf Schule. Diese Entscheidung habe ich nachher sehr bereut. 1958 ging ich nach Düsseldorf und wurde Volontär bei einer Zeitung. Ich wollte auch weg von Warendorf und dorthin ziehen wo es eine größere jüdische Gemeinde gab. In Warendorf und Umgebung waren wir nur vier jüdische Jugendliche. 1995, 50 Jahre nach Auschwitz, sprach ich mit Bubis und Herzog. Wir waren uns einig, dass das Interesse an den Fragen in Zusammenhang mit dem Holocaust nachlassen würde, aber genau das Gegenteil ist jetzt der Fall. Noch nie war das Interesse an den Fragen der Vergangenheit größer, vor allem bei den Jugendlichen. Ich glaube das liegt auch an euren Lehrern, wie Herrn Otto, die jetzt zu einer Generation gehören, die selbst ein Interesse daran haben, zu erfahren wie und warum es dazu kommen konnte. Deshalb bin ich auch gerne hierher gekommen und danke für eure Aufmerksamkeit.
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