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Dittmar Pfannenstein

Herr Pfannenstein ist Oberstudienrat am Gymnasium Laurentianum. Er unterrichtet in den Fächern Englisch und Geschichte.

Pfannenstein RAP 2K:  Gibt es Ereignisse aus 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland, die besonderen Eindruck auf Sie gemacht haben?

Pfannenstein:  Beeindruckt und auch beeinflusst haben mich besonders zwei Ereignisse. Einmal die Wiedervereinigung, die sicher von vielen hier genannt wird, weil sie einfach ein sehr einschneidendes Ereignis war. Beeinflusst hat mich dies aber eher weniger, da ich zu diesem Zeitpunkt schon zu alt war, es war eher ein Realitätswandel.

Anders ist es mit der Zeit zwischen 68-71, die sogenannte 68er-Zeit. Das war doch ein gewaltiger Umbruch für die BRD. Schon der Ausdruck BRD zeigt das. Das durfte man ja vorher gar nicht benutzen. Wer BRD in der Schule in einem Aufsatz schrieb, hatte gleich eine fünf, auch wenn dieser ansonsten völlig fehlerlos war, denn das wurde als der sowietische Sprachdiktus angesehen. Auch DDR durfte man nicht schreiben, man musste statt dessen SBZ nehmen. Der Geschichtsunterricht kam selten bis zur Nazizeit, denn dann hätten sich die Lehrer ja bekennen müssen, die ja alle so alt waren, dass sie die Nazizeit noch miterlebt hatten. Nun sorgte die Abwendung vom Nationalsozialismus zur Hinwendung zum Sozialismus. Der Kommunismus war "in". Es war eine Zeit der Demonstrationen - Stichwort "Scheiß Establishment". Es lastete ein Gefühl des Unehrlichen auf der Bevölkerung. Von der älteren Generation wollte kaum jemand zugeben, bei den Nazis dabeigewesen zu sein. Wie das? Dann hätte es also nie Parteigenossen gegeben. Je mehr sie sich in Schweigen hüllten, desto mehr verrieten sie sich. 1968 brach das hervor. Nun orientierten sich die Jugendlichen am Gegenmodell, denn vorher wurde alles, was im Zusammenhang mit dem Marxismus stand, verteufelt. Zuvor gab es die Tauwetter-Periode unter Chruschtschow. Das hatte auch für Deutschland Konsequenzen. Die Jugendlichen begeisterten sich für einen neuen Ansatz für den Sozialismus, doch mit dem Einmarsch in Prag schlug der Neo-Stalinist Breschnew die Reformwilligen nieder. Das hatte insofern direkte Auswirkungen für mich, als bei der NATO Generalalarm ausgelöst wurde. Wir standen beinahe vor einem neuen Weltkrieg, und da ich zu der Zeit beim Militär war, verlängerte sich meine Zeit dort auch. Der Prager Frühling wurde beendet und in der Tschechoslowakei ein Terrorregime installiert. Wer anders dachte, wurde liquidiert.

In der Bundesrepublik fiel die 68er-Bewegung zusammen. Das Denken schob sich auf die alte Schiene des Antikommunismus zurück. Die Leute wurden immer kritischer, die Studenten wurden isoliert und erhielten keine Unterstützung mehr. Besonders die Arbeiterschaft wandte sich gegen sie. Das führte zu einer Spaltung der Bewegung. Ein Teil ging zu den alten Parteien zurück, und ein geringer Teil begann sich zu radikalisieren. Man hatte mit ständigen polizeilichen Kontrollen zu rechnen. Man konnte nicht weit fahren, ohne dass das Auto seitlich ran gewunken wurde, und man musste immer damit rechnen, dass Sprengstoff explodierte, wenn man ein Schließfach öffnete, wie es ja in Münster auch zwei mal geschah. Das war die Zeit der RAF. Bei mir persönlich bewirkte das einen Schwenk zum Konservativismus. So war ich früher eher der SPD zugeneigt, stehe aber jetzt eher der CDU nahe. Insofern hat diese Zeit mich beeindruckt und beeinflusst und noch mehr. Die Jugendlichen hatten ja keine Unterstützung in der Arbeiterschaft, und so gab es oft Krawalle an den Universitäten so auch an an Uni Aachen, wo ich zu dieser Zeit ein Ingenieursstudium begonnen hatte. Ich wich in dieser Phase auf eine andere Uni aus. Ich ging also nach Münster, musste aber die Studienfächer auf Englisch und Geschichte wechseln. Ich verdanke dieser Zeit also auf gewisse Weise, dass ich heute Lehrer am Lau bin und nicht Ingenieur.

Die zweite Sache ist, wie bereits erwähnt, die Wiedervereinigung. Sie war eine Folge der Auflösung der Sowjetunion. Die hatte schon in den 80er Jahren, insbesondere durch das Wirken der polnischen Gewerkschaften, begonnen. Stark gefördert wurde sie auch vom derzeitig amtierenden Papst, der ebenfalls polnischer Herkunft ist. In Polen begann nämlich die Auflösung der SU, die eine Reaktion auf die Auflösung der Satellitenstaaten war. Nun stand die SU unter dem Druck, mit dem Westen mithalten zu müssen, denn sie war technologisch im Rückschritt, besonders im Computerbereich. Durch seine Politik der Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau) erreichte Gorbatschow einen Machtaufstieg. Er wurde zum Vorbild der Bevölkerung im Westen wie Osten. Er war eine Leitfigur in den 80er Jahren. Mit der Politik der Perestroika gab es im Osten gewaltige Hoffnung und Veränderung, doch dem stand die altstalinistische Regierung im Wege, "Betonsozialisten", die nicht in der Lage waren sich auf das neue einzustellen. 1989 feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen, das war im Sommer, wobei sie immer noch einen gut funktionierenden Staat vorgaukelte. Honnecker: noch in 100 Jahren

Zur gleichen Zeit wurden Reformer mit Hilfe der STASI unterdrückt. Die Folge war eine große Fluchtbewegung besonders im September und Oktober. Viele DDR-Bürger versuchten, über die ungarische Grenze in den Westen zu fliehen, worauf der ungarische Außenminister Horn sich entschied, den Stacheldraht zu öffnen. Das war der deutliche Beginn der Auflösung des Satellitensystems. Tausende flüchteten in die Deutsche Botschaft in Prag. In zähen Verhandlungen gelang es Bundesaußenminister Genscher, die tschechoslowakische Regierung dazu zu bringen, die Flüchtlinge, die zu Tausenden auf dem Botschaftsgelände der BRD in Prag campierten, ausreisen zu lassen. Die Regierung der DDR (Honecker) sah sich so unter Druck, dass sie es zuließ, die Ausreisewilligen in Zügen der Deutschen Bundesbahn durch das Gebiet der DDR in die BRD zu transportieren. Im Oktober und November begann sich der Widerstand zu formieren. Immer mehr Menschen wagten es öffentlich auf der Straße Reformen einzufordern, das waren die sogenannten Montagsdemonstrationen. Die Unterdrückungsmaßnahmen der STASI führten nicht mehr zur Einschüchterung, sondern zur Verstärkung der Demonstrationen. Mit dem Spruch "Wir sind das Volk" brach sich der Reformwille im November 1989 Bahn, so dass die DDR in einem bis heute nicht gänzlich geklärten dubiosen Vorgang plötzlich die Öffnung der Mauer in Berlin und die kurzfristige Ausreise genehmigte. Schabowski: Reiseregelung Damit begann die innere Verwandlung der DDR, die im Laufe des Jahres 1990 zur inneren Auflösung durch Beschlüsse der Volkskammer führte. Anfang 1990 öffnete sich auch der Eiserne Vorhang. Daraufhin bin ich natürlich auch in die DDR gefahren, und habe die Leute getroffen, die schon ewig mit meiner Familie verbunden sind, aber durch den Vorhang abgetrennt waren. So konnten persönliche Beziehungen zu Sachsen-Anhalt wieder geknüpft werden, die durch die Trennung vorher nicht mehr möglich waren. Ganz besonders in den Sommerferien 1990. Die Wiedervereinigung im Oktober 1990 war auch deshalb ein überwältigendes Ereignis, weil es für uns bedeutete, dass ein Alptraum weg war. Der Alptraum, auf Freunde und Verwandte schießen zu müssen. Wenn es zum Krieg gekommen wäre, und auf der anderen Seite hätte ein Cousin oder ein Onkel gestanden. Die waren ja alle bei der NVA. Das wurde uns erst im Sommer 1990 bewusst, dass wir ja die ganze Zeit eigentlich Todfeinde waren, ohne es zu wollen.

Seitdem habe ich die Entwicklung in Sachsen-Anhalt mitverfolgt. Ich war jedes Jahr da. Ich habe mit Genugtuung gesehen, wie sich die DDR innerhalb weniger Jahre von einem Trümmerhaufen in eine Wohlstandsgesellschaft verwandelt hat. Bei allen Problemen wie Arbeitslosigkeit darf man nie vergessen; wie es vorher aussah. Ganze Städte bestanden aus verfallenen Gebäuden. Es gab Plattenbausiedlungen, bei denen man von außen in die Häuser schauen konnte - so kaputt waren sie. Auf manchen Straßen konnte man nicht schneller als 80 km/h fahren, da einem sonst die Achse zerschlug. Ganze Landstriche waren nicht durch Infrastruktur erschlossen, und man musste auf Feldwegen fahren. Es herrschte starke Wohnungsnot. Alles das ist heute beseitigt. Ich verbinde das alles auch mit Kanzler Kohl. Ohne seine entschiedene Kontaktaufnahme zu Gorbatschow hätte das alles nie stattfinden können. Die Wiedervereinigung wird wohl in meinem Bewusstsein bei allen Schatten, die auf sein jetziges Tun fallen, sein historischer Verdienst bleiben.

RAP 2K:  Vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben.


Autor: Daniel Kirsch

 

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