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Prof.Dr. Paul Leidinger

Prof. Leidinger ist Historiker. Er war von 1962 bis 1978 Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Laurentianum. Währenddessen promovierte er und habilitierte sich an der Universität Münster. 1978 wurde er dann Professor in Münster für neuere und neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte. Er war und ist Mitglied in vielen Gremien und Kommissionen. Prof. Leidinger war auch Mitglied der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und führte bis heute Europaseminare durch. Das Gespräch und der Ausgleich mit unseren östlichen Nachbarländern liegt ihm besonders am Herzen. Prof. Leidinger ist Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft e.V. Münster von 1916. Er engagiert sich stark in der Denkmalpflege und im Umweltschutz. Auf der EXPO in Hannover wird er einen Vortrag halten: "Der Mensch - ein natürlicher Feind der Natur? Unser Verhältnis zur Umwelt in der Geschichte." In Warendorf ist er Ehrenvorsitzender des Heimatvereins und Kreisheimatpfleger. Am 10.April 2000 fand Prof.Leidinger die Zeit für ein langes Gespräch mit LAU RAP 2K.

RAP 2K: Was hat Sie in 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland am meisten bewegt?

Leidinger im Bürgerhof
Prof.Leidinger beim Festakt "800 Jahre Warendorf" am 24.3.2000 im Bürgerhof.
Leidinger: Sehr bewegend fand ich die Gründung der Bundesrepublik. Ich war damals 16 Jahre alt und äußerst engagiert, z.B. als Schülersprecher, und sehr politikinteressiert. Ebenfalls bewegend fand ich die Stabilisierung der Beziehungen zwischen den Westzonen und dem zweiten Deutschen Staat, aber natürlich auch den Bau und den Fall der Mauer, die mich zwar nicht persönlich betrafen, da ich keine Verwandten im Osten hatte, aber politisch interessiert und überwältigt hatten. Der Mauerbau war ein wichtiger Einschnitt mit politischen Implikationen. Und Kontakte waren für 10 Jahre abgebrochen. In den 70er Jahren begann dann mit den Ostverträgen eine Öffnung nach Osten.

Ein sehr wichtiges Erlebnis war eine Klassenfahrt, die ich 1977 noch als Lehrer mit einer Klasse nach Polen unternahm, denn wir waren sozusagen erste Touristen, sogar halb politische Gäste, die quasi aus Feindesland kamen, der BRD.

Ich machte auch Exkursionen in die DDR und kam in jeden Betrieb, jedoch in keine Schule hinein. In Russland kam ich auch in Schulen, aber Gespräche führten nicht weiter, da die russische Seite ein strenges sozialistisches Geschichtsbild hatte, ein festgefügtes Schema ohne Spielraum. Die Polen hatten zwar auch das sozialistische Geschichtsbild, waren jedoch liberaler. In Polen waren besonders die wechselseitigen Beziehungen interessant. Polen hat ja nicht erst unter Hitler gelitten, sondern auch unter Preußen. Die Neubildung des polnischen Staates nach dem 1.Weltkrieg geschah in Spannung mit Deutschland.

Seit Mitte der 70er Jahre war ich Mitglied der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommision, was sich oft als schwierige politische Gratwanderung herausstellte, denn am Beginn unserer Zusammenarbeit war das politische Verhältnis sehr gespannt, auch wenn sich die politischen Verhältnisse unterschwellig liberalisierten. Wie sollte auch eine normale Beziehung beider Staaten möglich sein, nach der ganzen polnischen Geschichte, nach der Auslöschung des Staates, Unterdrückung und Auslöschung der Elite. Der heutige Papst war damals gezwungen, im Untergrund zu studieren. Als ich z.B. 1975 in Polen eine Schule besuchte, wurde mir das Schulmuseum gezeigt, wo die ganze Dokumentation der Verfolgung gezeigt wurde, das war schon sehr beklemmend. Mit Lieferungen nach Polen während der Notjahre ab 1981 begann das Tauwetter, ein Ereignis, das die Ost-West-Beziehungen verbessert hat.

In der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission ging es darum, ohne Revanchegedanken die Verhältnisse historisch aufzuklären und nach Vermittlungsmöglichkeiten zu suchen. Es wurden 22 Konfliktthemen einzeln durchgegangen. Es ging z.B. um die slawische Besiedelung, ob es nun deutsche oder polnische Städte waren. Heutige historische Forschung zeigt einwandfrei, dass es sich dabei um eine fruchtbare Symbiose beider Gruppen handelte.

Die Schulbuchgespräche waren in der Öffentlichkeit sehr umstritten. Es wurde gesagt, dass es sich nicht um historische Wahrheitsfindung, sondern um Wissenschaftsdiplomatie handeln würde. Diese Arbeit hat aber bewirkt, dass man sich in Deutschland mit Polen beschäftigte. Der Blick der Polen ging immer nach Westen und wir haben etwas die Rückholung Polens nach Europa vorbereitet.

Leidinger im Lau
Prof.Leidinger läßt sich von Hyun-A die Lau-Homepage zeigen.
Als junger Mensch habe ich die Deutsch-Französische Begegnung miterlebt. Erst sehr engagiert und dann auch als Lehrer bei Exkursionen nach Frankreich. Ich wünsche mir eine ähnlich intensive Kontaktaufnahme mit Polen. Es gibt ja auch hier im Kreis schon Anfänge, z.B. Beckum mit Grottkau. Auch das Laurentianum hatte ja schon einmal Kontakt mit einer polnischen Schule aufgenommen.

RAP 2K: War der Fall der Berliner Mauer nicht ein besonders bewegendes Ereignis für Sie?

Leidinger: Schon, aber die Wende war nicht überraschend für mich, denn ich hatte es in gewisser Weise vorausgesehen. Die Wende selbst hat mich nicht überrascht, aber die Art und Weise, dass alles quasi über Nacht passierte, der Fall der Mauer, das hat mich schon sehr überrascht. Ich bin sofort mit Studenten rübergefahen. Dort habe ich in Halberstadt mit Kopierern ausgeholfen, die es damals in der DDR noch kaum gab. Im Gegenzug habe ich Einblick in Archive bekommen und einige Geschichtsdokumente erhalten, was sehr interessant war, da sich anhand dieser Dokumente die Wandlung des politischen und gesellschaftlichen Klimas in der DDR verfolgen ließ.

Das sind eigentlich für mich doch sehr dominante Erfahrungen, die sich mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland entwickelten und dazu auch gleichartige Erfahrungen aus Westeuropa: Als Lehrer bei großen Exkursionen nach Griechenland, nach Ägypten, als Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft in Münster von 1916, der ältesten in Deutschland, dann bei der Ausprägung der Europäischen Union. Dies alles liegt besonders in meinem Interessenfeld, wie die Dinge im globalen Zusammenhang zueinander stehen. Ich führe jährlich ein Europaseminar in Brüssel durch, mit Teilnehmern verschiedener Universitäten, z.B. aus Potsdam, Magdeburg, Danzig, Brünn oder Löwen. Das ist mir ein besonderes Anliegen.

Leidinger im Lau
Prof.Leidinger mit Mitgliedern von Lau RAP 2K am 10.4.2000 im Laurentianum.

RAP 2K: Was hat Sie in Warendorf am meisten bewegt?

Leidinger: Ich bin kein gebürtiger Warendorfer, sondern erst 1959 als Referendar zum Laurentianum gekommen, damals noch in das alte Gebäude an der Freckenhorster Straße. Ich kümmerte mich dann um das Stadtarchiv, das später in das Kreisarchiv überging, und wurde Vorsitzender des Heimatvereins, der auch die Geschichte seit 1945 und die Entwicklung des Umlandes aus Quellen erforscht.

Was mich ebenfalls stark bewegt hat, war die seit den 60er Jahren begonnene Stadtsanierung, die Kommunalreform 1975, man kann sagen, das ganze Feld der Reformepoche der 60er und 70er Jahre.

Was mich im wesentlichen stark beeindruckt hat, war das freiwillige Engagement, z.B. bei der Stadtsanierung. Die heutige sanierte Altstadt ist das Ergebnis heftiger Auseinandersetzungen zweier Lager. Das Lager der Modernisierer, die eine autogerechte Stadt wollten und das Lager, das Modernisierungen nur so weit wollte, wie es das traditionelle Stadtbild tragen konnte, ohne Durchbrüche und mit Erhaltung der Altbausubstanz. 1979 setzten sich die Leute an einem runden Tisch zusammen. Das Ergebnis der Stadtsanierung wird heutzutage ziemlich einhellig angenommen, alle sind stolz darauf.

Es gibt sekundäre Probleme, da hätte es auch Änderungen geben können, z.B. im Bereich des ehemaligen Krankenhauses an der Hohen Straße. Was da kürzlich gebaut wurde, halte ich persönlich für eine etwas naive Neubebauung ohne städtebauliche Akzente.

Ein wichtiges Ereignis ist die kommunale Neuordnung bis 1969, in der einer territorial sehr kleinen Stadt mit knapp 20000 Einwohnern die umliegenden Bauernschaften zugeordnet wurden. Das war eine große Chance für die seit dem 19.Jahrhundert verarmte Stadt. Für die gesamte Stadtpolitik war das ein Schritt, deren Qualität die Stadtväter und die Verwaltung nicht ganz erkannten und auf die sie sich nicht richtig vorbereitet hatten. Viele der Probleme, die wir heutzutage haben, entstanden in dieser Zeit, als die Tragweite der Veränderungen nicht richtig bedacht wurde.

Man hat sich damals stark und sehr erfolgreich auf den Sport konzentriert und die Industrie und der Verkehr sind deswegen etwas vernachlässigt worden. Damals hat sich die Stadt Warendorf auch als Stadt der Schulen grossartig ausgefaltet. Seit 1959 sind auf einem Quadratkilometer ein Dutzend Schulen entstanden. Ein großartiger Gewinn für die Stadt, dass sie ein siedlungsleeres Feld in der Nähe der Altstadt als Schulviertel bebauen konnte. Die Stadt hat dabei mehrfach Turnhallen gebaut, aber versäumt eine Aula zu bauen, die man als Stadthalle benutzen könnte. Dies sind Defizite aus den 70er Jahren, wo man noch genug Geld hatte. Heutzutage kann man solche Fehler ja kaum mehr ausbügeln, aus Geldmangel.

Ein anderes Thema, über das wir jetzt aus Zeitgründen nicht mehr reden können, ist die Umweltgeschichte. Ich bin gerne hier gewesen und freue mich über Ihr Interesse.


Autorin: Hyun-A Cho

 

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