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Norbert Happe

Herr Happe ist katholischer Pfarrer in unserer Nachbarstadt Sassenberg.

RAP 2K: Herr Happe, was hat Sie in 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland am meisten beeindruckt?

Happe: Pfarrer Happe Was ich ganz faszinierend fand, war dass sich in der Zeit von 1954, als ich geboren wurde, bis heute so viel verändert hat. Wenn ich in der Schule zum Beispiel erzähle, dass es damals noch keine Pizzeria gegeben hat, dass noch jemand von Haus zu Haus ging, um Kartoffelschalen zu sammeln und die Tiere damit zu füttern und dass wir die Milch direkt vom Bauern mit der Milchkanne geholt haben, kann sich das keiner mehr vorstellen. Es ist natürlich schade, dass die heutige Jugend die ganzen Neuanfänge nach dem Krieg nicht mehr mitbekommt. Beeindruckt war ich vor allem von dem ganzen Aufschwung. Wenn wir früher irgendwohin fahren wollten, fuhren wir mit der Eisenbahn. Mein Vater hat auch keinen Führerschein gemacht, weil er meinte er könne mit der Eisenbahn überall hinkommen. Die ganze Technisierung war ebenfalls wahnsinnig faszinierend: Wenn man sich überlegt, dass wir unser erstes Telefon bekamen, als ich bereits 20 Jahre alt war. Heute hat jeder ein Telefon, aber damals hieß es bei uns immer "So etwas brauchen wir nicht!", und jetzt geht nichts mehr ohne Telefon und die ganze Technik. Man ist heute mit der ganzen Welt verbunden, in wenigen Sekunden ist eine Email in Mexiko. Auch einen Fernseher bekamen wir erst 1964. Damals war die Olympiade und nur deshalb kaufte mein Vater einen Fernseher, meine Mutter meinte zu jener Zeit noch, dass das völlig überflüssig sei. Und wer sitzt heute vor dem Fernseher? Das ist meine Mutter.

Als ich zehn Jahre alt war, bin ich das erste Mal mit dem Auto gefahren. Mein Bruder, der 10 Jahre später geboren ist, ist schon mit dem Auto aufgewachsen. Und heute fährt jeder mit dem Auto überallhin.

Auch die ganze Schulsituation hat sich verändert. Ich bin mit sechs Jahren eingeschult worden und verließ Jahre später die gleiche Schule nach meinem Abschluss. Das ganze nannte sich damals Volksschule. Heute ist das ganze Schulsystem viel verzweigter. Man kommt erst in die Grundschule und hat dann die Wahl zwischen mehreren verschiedenen Schulformen.

Interessant war auch die Bausituation. Es gab früher nicht in jedem Haus eine Toilette, sondern im Garten befanden sich die "Plumpsklos". Heute hat jeder ein Badezimmer und das ganze Drumherum, das gab es damals alles nicht.

In den letzten 50 Jahren hat sich noch so viel verändert. Das erste Mal geflogen bin ich zum Beispiel mit 21, nach Israel, das war meine erste größere Reise. Damals sind die Leute, um nach Mexiko zu gelangen, noch mit dem Schiff gefahren. Es gab zwar auch schon Flugzeuge, aber die konnten noch keine weiten Strecken zurücklegen, so dass man damals 3 Wochen mit dem Schiff unterwegs war und heute ist man innerhalb von 10 Stunden am Ziel.

Besonders faszinierend finde ich auch die ganzen Beziehungen und den Wiederaufbau nach dem Krieg. Damals ist Unvorstellbares geleistet worden. Dieses zerstörte Europa, das sich in den 50 Jahren von totaler Zwietracht hin zu einem gemeinsamen Europa geordnet hat, mit einer gemeinsamen Währung, das ist für mich das Faszinierendste. Nach einem Krieg total zerstritten zu sein und sich dann gemeinsam aufraffen, durch das Wissen getrieben, dass man sich zusammentun muss, um vor der Welt zu bestehen. Bis jetzt gibt es zwar nur eine gemeinsame Währung, aber der gemeinsame Staat folgt sicherlich noch.

Was natürlich nicht so schön ist, ist das ganze Lokalpatriotismus. Man muss die Leute davon überzeugen, dass es eben nicht nur Deutsche in Deutschland gibt, sondern dass eben viele verschiedene Völker in Deutschland leben und da fehlt noch eine ganze Menge an Arbeit.

Sehr gewandelt hat sich auch der ganze Aspekt Kirche und was in der Kirche stattfindet -ich bin schließlich Pastor. Ich bin damals unter ganz anderen Bedingungen Priester geworden. Bei der ganzen Globalisierung vergessen die meisten Menschen, dass es zuerst doch einmal um das ganze Miteinander in der Familie und in einer kleinen Stadt geht und erst dann um den Rest der Welt.

Faszinierend ist natürlich auch, dass es Politiker geschafft haben Deutschland mit dem Fall der Mauer wieder zu vereinen, auch wenn noch immer Notwendigkeit besteht noch vieles besser zu machen. Den Fall der Mauer selbst habe ich nicht richtig miterlebt, da ich mich zu der Zeit noch in Mexiko befand. Ich war auch in meinem ganzen Leben nur dreimal in Berlin, einmal als Zwanzigjähriger und jetzt zweimal nach der Wiedervereinigung.

Die Wiedervereinigung hieß natürlich auch, dass sich zwei Staaten gebildet hatten, die sich aus verschiedenen Ideologien annähern mussten.

Aber noch beeindruckender fand 1980 eine Fahrt nach Polen. Ich hatte damals wahnsinnig komische Gefühle als wir nach Auschwitz kamen, weil das eine Situation war, in der das Versagen der Deutsche sehr deutlich wurde. Aber wir trafen dann in der Stadt einen Polen, der deutsch konnte und der uns dann zu sich nach Hause eingeladen hatte und uns auch das Konzentrationslager gezeigt hat. Er war selbst Insasse in dort gewesen und ich fand es faszinierend, das er trotzdem eine Gruppe deutscher Jugendlicher so positiv aufnahm. Und deshalb verstehe ich auch nicht, dass es heute noch das schlechte Image der Polen und die Polenwitze gibt. Das sind zum Beispiel Dinge, wo ich denke, da haben wir in den letzten 50 Jahren nicht sehr viel gelernt.


Autor: André Altenau

 

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