Zuwanderung, Fremdenfeindlichkeit und Integration von Ausländern im 18. und 19. Jahrhundert in Berlin
I. Die ersten Ausländer in Berlin
Zur Betrachtung der Ausländerfrage im 18. und 19. Jahrhundert erscheint es zum besseren Verständnis sinnvoll, zunächst kurz die Ursprünge der Ausländer in Berlin sich vor Augen zu führen. Berlin und das es umgebende Land Brandenburg weisen bei der Zuwanderung von Ausländern, die schon recht frühzeitig erfolgte, eine Besonderheit auf. Die Ausländer sind hier nicht als "unerwünschte Gäste" erschienen. Niederländer und Flamen sind bereits im 12. Jahrhundert angeworben worden, an die Elbe zu kommen, wo sie ihre aus der Heimat mitgebrachten Kenntnisse anwenden konnten und Dämme an der Elbe errichteten, sowie ein Entwässerungssystem anlegten Bereits zu Anfang des 16. Jahrhunderts förderte Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach als letzter Hochmeister des Deutschen Ritterordens und erster weltlicher Fürst in Preußen die Einwanderung von Menschen aus Holland und anderen nördlichen Territorien in sein Land.Im Anschluß an das Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1648 warb Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst ( 16.02.1620 - 09.05.1688 ), für den Zuzug von Ausländern nach Berlin und Brandenburg. Das Kurfürstentum Brandenburg hatte unter dem Dreißigjährigen Krieg und mehreren Pestepidemien sehr gelitten und ca. 140.000 Menschen verloren, in Berlin standen etwa ein Drittel der Wohnhäuser leer. Der Große Kurfürst versuchte durch die Anwerbung von Ausländern die Bevölkerung seines Landes wieder aufzufüllen und gleichzeitig die Wirtschaft zu fördern. So wurden zunächst etwa 500 holländische Kolonisten angeworben. Diesen folgten vor allem Handwerker, die bei dem Wiederaufbau der Ortschaften der Mark Brandenburg und Berlins tätig waren. Unter ihnen waren aber auch holländische Architekten, Festungsingenieure, Mühlenbaumeister und Brückenkonstrukteure, die Mühlen und Brückenbauten bzw. in Stand setzten. So sind auch die ersten Befestigungsanlagen von Berlin von Holländern erbaut worden. Südlich von Berlin gibt es eine Ortschaft mit dem Namen "Niemegk", welcher auf Nijmegen hindeutet. Im Zuge dieser Anwerbung wurde von dem Großen Kurfürst im Jahre 1671 auch fünfzig wohlhabenden jüdischen Familien aus Wien der Zuzug nach Berlin gestattet. Dabei ging es dem Großen Kurfürsten auch um Einnahmen für den Staat. Einmal stand dem Fürsten selbst der sogenannte Judentribut zu, Zahlungen, welche die Juden regelmäßig an die Krone leisten mußten, zum anderen sollten die Juden eine moderne Geld- und Kreditwirtschaft aufbauen.
II. Die Holländer
Insbesondere die Holländer blieben zunächst weiter die in Anwerbeaktionen bevorzugten Ausländer. So reiste der König Friedrich Wilhelm I. (14.08.1688 - 31.05.1740) im Jahre 1732 nach Amsterdam, um holländische Handwerker anzuwerben. Um die Holländer dazu zu bewegen, in sein Land zu kommen, ließ der König in der Zeit von 1732 bis 1742 in Potsdam 134 Häuser im holländischen Stil erbauen, die den angeworbenen Holländern zur Verfügung gestellt wurden, welche heute noch als das "Hollänische Viertel" bekannt sind. Schon bald kamen holländische Handwerker und auch Künstler nach Berlin. Die Holländer haben sich offenbar gut und ohne Schwierigkeiten in den Staat eingefügt, denn sie sind auch zu bedeutenden Positionen gelangt. So ist der Holländer Jan Bouman, welcher 1732 nach Potsdam gekommen ist, bis zum Oberbaudirektor in Berlin aufgestiegen. Von holländischen Architekten wurden viele Bauten in Berlin errichtet. Der Marinemaler und Schiffsbaumeister Michiel Maddersteeg aus Amsterdam wurde 1698 in Berlin für 1000 Taler Jahresgehalt als Hofmaler eingestellt, er mußte aber auch Schiffe konstruieren.Die Holländer spielten durch ihre aus der Heimat mitgebrachten Kenntnisse bei der Trockenlegung von Ackerland und auch im Handwerk, z.B. im Baugewerbe eine nicht unbedeutende Rolle. Wichtig waren sie insbesondere in der Porzellanmanufaktur. Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts schwand die Bedeutung der Holländer. In der Baukunst trat nun Schinkel hervor und verdrängte die holländischen Baumeister. Der holländische Stil in der Kunst und in dem Bauwesen wurde durch den französischen Einfluß verdrängt. Die Bedeutung der Holländer in Berlin ging zurück.
III. Die Franzosen
Als Ludwig XIV. das Edikt von Nantes, welches den Hugenotten in Frankreich unter anderen die freie Ausübung ihrer Religion zugebilligt hatte, am 18.10.1685 aufhob und viele Hugenotten darauf aus Frankreich flüchteten, nutzte der Große Kurfürst diese Gelegenheit, um erneut Einwanderer für sein Land zu gewinnen. Er erließ am 29.10.1685 das Edikt von Potsdam, in welchem er Hugenotten, die aus Frankreich flüchten mußten oder wollten, praktisch einlud in sein Land zu kommen und sich dort niederzulassen. Ihm war vor allem an der Einwanderung von Handwerkern und Kaufleuten gelegen, denen er materielle und andere Unterstützung zusagte. Ferner erklärte er, daß jeder ein, wenn auch eventuell verfallenes, Grundstück bekommen würde, sie ihre Religion ungestört nach ihren Bräuchen und in französischer Sprache ausüben könnten. Sie erhielten im religiösen Bereich die völlige Selbstverwaltung. Förderung und sonstiger Beistand wurde ebenfalls zugesagt: Steuerfreiheit während der ersten vier Jahre, Bereitstellung verlassener Häuser und von Baumaterialien, kostenlose Aufnahme zu Zünften und Gilden, Befreiung von der Pflicht zur Einquartierung von Soldaten. Auch erhielten die Hugenotten für Streitigkeiten untereinander eine eigene Gerichtsbarkeit. Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Hugenotten wurden von einem Gremium geschlichtet, welches sich aus dem jeweiligen Magistrat und dem französischen Schiedsrichter zusammensetzte. Mit derartigen Privilegien ausgestattet, lebten die Hugenotten in der Regel in eigenen Vierteln, die man bald als "Französische Kolonien" bezeichnete. Insgesamt kamen etwa 20.000 Hugenotten nach Brandenburg. Meist waren es Handwerker und Gewerbetreibende. Viele von ihnen waren auch in der Textilindustrie tätig. Im brandenburgischen Umland betätigten sie sich vornehmlich als Gemüsegärtner und Obstbauern. Ein großer Teil der eingewanderten Hugenotten hatte sich in Berlin niedergelassen. So lebten im Jahre 1698 5.767 Hugenotten in Berlin, welches damals eine Gesamtbevölkerung von ca. 25.000 hatte. Jeder fünfte Berliner war damit ein Franzose.
Der größte Teil der Hugenotten siedelte sich in dem Stadtteil Friedrichstadt an, mit dessen Bau im Jahre 1678 begonnen worden war. Im Jahre 1724 lebten in diesem Stadtteil 3.159 Hugenotten. Über ca. 125 Jahre lebten die Hugenotten so als eine privilegierte Minderheit in ihren "Kolonien" mit eigener Gerichtsbarkeit und kirchlicher Selbstverwaltung. Die Hugenotten hatten von Anfang an in Berlin einen nicht unerheblichen Einfluß auf den Hof und den Adel in Brandenburg. Dieser Einfluß bezog sich vor allem auf den kulturellen Bereich und hatte eine erhebliche Auswirkung für die besondere Bedeutung Berlins in Europa. So sprach man am Hof Französisch. Über fast zwei Jahrhunderte war es in der königlichen Familie und bei dem Adel üblich, fest angestellte französische Erzieher zu haben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts befanden sich unter der intellektuellen Elite Berlins eine größere Anzahl Franzosen, wie der Mathematiker Vignoles und der Philosoph Chauvin, der die erste wissenschaftliche Zeitschrift in Berlin herausbrachte. Zu diesen bedeutenden Persönlichkeiten gehörte auch der Jurist Karl von Savigny ( 1779 - 1861 ), der als preußischer Minister großen Einfluß auf die Rechtsentwicklung in Preußen hatte. Auch in der Zeit Friedrichs II., der Große, ( 24.01.1712 - 17.08.1786 )dauerte der französische Einfluß am Hofe fort. Kleidermode und die Ausstattung der Salons entsprechen dem französischen Vorbild. Der König versuchte französische Gelehrte und Philosophen wie Voltair an seinen Hof nach Berlin zu ziehen. Bereits 1689 war ein französisches Gymnasium gegründete worden, welches heute in Berlin, jedoch in einem anderen Gebäude, noch existiert. Den Hugenotten war es auf diese Weise gelungen, über eine lange Zeit ihren französischen Ursprung zu bewahren. Die französische Revolution und die sich anschließende napoleonische Zeit sorgte aber für eine größere Assimilation der Hugenotten, so daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Sonderstellung in Berlin und Brandenburg ein Ende gefunden hatte.
Am 25.10.1806 zogen erstmals französische Truppen in Berlin ein. Sie verließen Berlin erst wieder im Dezember 1808. Im Rahmen der nun folgenden preußischen Reformen, mit denen Preußen auf einen modernen Standart gebracht werden sollte, werden im Jahre 1809 auch die Privilegien der Hugenotten, wie die eigene Verwaltung, eigene Gerichtsbarkeit und der Unterhalt eigener Schulen aufgehoben. Auch das französische Gymnasium wird unter staatliche Aufsicht gestellt. Dieses entsprach aber auch der Entwicklung, die zu einer immer stärker werdenden Integration der Hugenotten geführt hatte und konnte ohne großen Widerstand, abgesehen von einigen Protesten der noch existierenden französischen Kolonien, umgesetzt werden. Schon die Kirchenbehörden der Hugenotten hatte seit etwa 1760 feststellen müssen, daß immer weniger Mitglieder überhaupt die französische Sprache beherrschten. Mischehen hatte zu Assimilation der Hugenotten beigetragen. Ab den Jahren 1820 bis 1830 wurde bei den Hugenotten der Gottesdienst fast nur noch in deutscher Sprache abgehalten. Die Integration der Hugenotten war damit praktisch abgeschlossen. In dem Zusammenleben und bei der Integration der Hugenotten gab es keine nennenswerten Schwierigkeiten.
Anfangs stand die Bevölkerung den Neuankömmlingen oft ablehnend gegenüber. Dieses aber wohl in der Hauptsache nur deswegen, weil es durch die vielen Menschen, die nun mit Nahrungsmitteln versorgt werden mußten, teilweise zu Lebensmittelknappheit und damit auch zu Preissteigerungen für Lebensmittel gekommen war. Weiterhin gab es insbesondere von den Zünften und Gilden Maßnahmen gegen die Hugenotten, weil sie in ihnen eine mißliebige Konkurrenz sahen. Kaufleute weigerten sich z.B., von den Hugenotten Waren zu kaufen. Dieses waren aber nur anfängliche Vorkommnisse. Zu konkreten Ausschreitungen gegen die Hugenotten, wie dies z. B . in Magdeburg am 02.10.1718 der Fall war, als mehrere Häuser der Hugenotten angezündet worden waren, ist es in Berlin nicht gekommen.
IV. Die Juden
Juden lebten in Deutschland schon länger. Offenbar sind die ersten Juden bereits als Händler mit den Römern nach Deutschland gekommen Berlin selbst ist erstmals 1244 schriftlich erwähnt. Daß Juden in der Stadt lebten, ergibt sich aus einem Brief des Berliner Stadtrates aus dem Jahre 1295 an die Wollweber, der ihnen untersagte, das zur Stoffherstellung notwendige Garn bei den Juden zu kaufen.
Diese Juden lebten damals in der noch kleinen Ansiedlung völlig isoliert und unter sich in dem Großen Judenhof und der Jüdenstraße. Diesen Straßennamen gibt es heute noch in Berlin. Er hat sogar die Zeit der nationalsozialistische Herrschaft überdauert. Zu einer ersten richtigen jüdischen Gemeinde in Berlin kam es im Jahre 1671, als, wie bereits oben erwähnt, der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm mit dem Edikt vom 21.05.1671 fünfzig wohlhabenden vertriebenen jüdischen Familien aus Wien gestattete, sich in Berlin nieder zu lassen. Er war dabei in erster Linie auf die Entwicklung seines eigenen Landes und die von den Juden zu erwartenden Steuereinnahmen und sonstige Abgaben bedacht. Die Juden sollten dazu beitragen, die Geld- und Kreditwirtschaft aufzubauen. Der von ihnen zu entrichtende Judentribut stand dem Fürsten unmittelbar zu. Im Jahre 1700 wurde den Juden der Bau der ersten Synagoge in der Heidereutergasse erst nach Zahlung von 3000 Talern an die Krone erlaubt. Es war für die nächsten 150 Jahre die einzige öffentliche Synagoge in Berlin. Einige der Berliner Juden waren in wichtigen Funktionen bei Hof als Finanzberater, Kreditgeber und Juweliere tätig und hatten damit einen gewissen Einfluß erreicht. Gleichzeitig gelangten sie durch dieses Tätigkeiten zu Wohlstand. Der bekannteste dieser sogenannten "Hofjuden" war Veitel Heine Ephraim, der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkte. Seine Villa, das Ephraimspalais am Mühlendamm, ist noch heute erhalten. Juden, die nicht bei Hofe tätig waren, führten meist ein bescheideneres Leben, indem sie kleine Geschäfte führten oder sich als Pfandleiher oder Hausierer betätigten. Mit der Zeit nahm die Zahl der Juden in Berlin zu, wobei sich auch solche in Berlin aufhielten, die kein Niederlassungsrecht hatten. Um 1750 lebten ca. 2000 Juden in Berlin, von denen etwa 500 ohne Niederlassungserlaubnis waren.
Mit der Zeit näherte sich die jüdische Gemeinde langsam an die sie umgebende preußische Gesellschaft an. Dabei kamen ihnen die Ideale der Aufklärung, Toleranz und Menschenwürde zu gute. Die Emanzipationsdebatte nahm ihren Ausgang in Berlin. Die Emanzipation war ein Teil der bürgerlichen Aufklärungsbewegung, deren deutsches Zentrum im späten 18. Jahrhundert Berlin war. Die Berliner Juden waren zu einem großen Teil erfolgreiche Unternehmer und Intellektuelle. In Berlin gab es daher die Erfahrung, daß Juden gleichberechtigte Partner sein konnten. Insbesondere der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn ( 1729 - 1786 ), der seit seinen vierzehnten Lebensjahr in Berlin gelebt hatte, hat mit seinen Schriften, in denen er die Ausübung der jüdischen Religion mit einem Leben in einer modernen Welt zu verbinden suchte, den Grundstein für die Integration der Juden gelegt. Er und seine Schüler waren moderne Juden, die keine Hüte und keine Bärte mehr trugen und der westlichen Kultur zugewandt waren. Ein Teil der Berliner Juden folgte ihnen. So gründete David Friedländer 1778, einer der Nachfolger Mendelssohns, in Berlin die Jüdische Freischule. Dabei handelte es sich um eine Volksschule, die traditionelle jüdische Lerninhalte mit modernen verband. Als besonderes Zeichen der Integration muß gewertet werden, daß Friedländer der erste Jude war, der als Stadtrat in die Berliner Abgeordnetenversammlung gewählt wurde. Viel Juden oder Menschen jüdischen Ursprungs brachten es in Berlin im 19. Jahrhundert insbesondere im künstlerischen Bereich zu Ruhm und Anerkennung. Zu diesen Personen gehört z. B. der Musiker Felix Mendelssohn, ein Enkel des oben genannten Moses Mendelssohn. Ein großer Teil dieser Juden war jedoch teils aus Überzeugung, teils um des besseren Fortkommens Willen, zum christlichen Glauben konvertiert.
Neben diesen Erfolgen war eine praktisch völlige Gleichstellung erst mit dem Preußischen Edikt von 1812 erreicht, welches die Sondersteuern und Sonderzahlungen der Juden abschaffte und ihnen die volle Staatsbürgerschaft verlieh, abgesehen von einer Einschränkung bei einer Einstellung durch den Staat.
Als Ausfluß der Reformbestrebungen der Juden selbst wurde 1815 von dem jüdischen Geschäftsmann Israel Jacobson eine private Synagoge erbaut, in welcher Gottesdienst in Deutsch abgehalten wurde. 1845 wurde eine weitere sogenannte Reformgemeinde gegründet. Auf Grund dieser Entwicklung kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Juden selbst zu Spannungen zwischen liberalen und orthodoxen Juden.
In der Geschäftswelt waren die Juden Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschend im Bankgewerbe tätig, was noch aus der Zeit der "Hofjuden" herrührte. Es wurden von 52 privaten Bankhäusern 30 von Juden geleitet. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte auch eine neue Wanderung von Juden aus der Provinz nach Berlin ein. Berlin war damals bereits eine aufstrebende Industriestadt, in der man hoffen konnte, Arbeit und Auskommen zu finden.
Die jüdische Bevölkerung Berlins war stark angewachsen. So lebten 1855 bereits 12.675 Juden, 2,9 % der Gesamtbevölkerung in Berlin. Im Jahre 1871 bei der Gründung des Kaiserreichs gab es schon 36.326 Juden in Berlin, was 4,1% der Gesamtbevölkerung bedeutete. Die Juden des Kaiserreiches ( 1871 bis 1918 ) waren mit ihrer Stellung zufrieden. Die Juden sahen Berlin praktisch als ihre Hauptstadt an. Berlin und die Juden gehörten lange zusammen. Theodor Fontane ( 30.12.1819 - 20.09.1898 ), nicht nur ein berühmter Romanschriftsteller und Theaterkritiker, sondern auch ein loyaler Berliner und Kenner von dessen Geschichte, sah in dem jüdischen Element einen wichtigen Bestandteil des spezifisch berlinischen Stils. Dieser Stil, schrieb er, sei eine glückliche Mischung verschiedener Ingredienzen, und eine davon sei der "berlinisch-jüdische Geist", der sich bei der gebildeten Mittelklasse der Stadt im Zeitalter der Aufklärung entwickelt habe. Die Juden spielten auch eine wichtige Rolle in den Berliner "Salons" am Beginn des 19. Jahrhunderts. Jüdische Salons waren ein beliebter Treffpunkt der Intellektuellen.
Allerdings kam in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Welle von Juden aus dem Osten, die sogenannten Ostjuden, nach Berlin. Es handelte sich dabei um Flüchtlinge vor Pogromen aus Rußland und aus den verarmten Österreichisch-Ungarischen Gebieten. Da diese Juden sich in ihrer Lebensart stark von den bereits länger in Berlin wohnenden und in die Gesellschaft integrierten Juden unterschieden, wurden sie von ihnen meist verachtet.
Wenn es auch in den früheren Zeiten und auch später Judenhaß und Judenverfolgung gegeben hat, so waren das 18. und 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht in Berlin ruhig. Allerdings tauchten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erneut die ersten Zeichen des Antisemitismus auf. Bereits am Sylvesterabend des Jahres 1880 randalierten organisierte Gruppen in Berlin in der Straße "Unter den Linden" und brüllten Parolen wie "Juden raus". Als Vertreter des "intellektuellen" Antisemitismus taten sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts insbesondere der Hofprediger Adolf Stöcker und der Historiker Heinrich von Treitschke hervor. Als Antwort auf diesen aufkommenden Antisemitismus gründeten die Juden 1893 in Berlin den "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Es ging ihnen darum, sicherzustellen, daß sie als deutsche Staatsbürger entsprechend ihrem Glauben ungestört leben konnten. Der erste Weltkrieg überdeckte jedoch diesen aufkommenden Antisemitismus zunächst.
V. Die Balten
Als Balten bezeichnet man die Esten, Letten und Litauer. Sie spielten unter den Ausländern Berlins eher eine untergeordnete Rolle. Offenbar sind die ersten Balten in der Regierungszeit Friedrichs des Großen um 1750 als Kolonisten aus Livland und Kurland nach Berlin gekommen. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts kamen mehr Menschen aus dem Baltikum nach Berlin. Es waren in erster Linie Arbeiter und Kleinangestellte, welche in der aufstrebenden Industriestadt Arbeit suchten.
Intellektuelle und Schriftsteller aus dem Baltikum haben öfters, aber jeweils nur zeitweise in Berlin gelebt. Über diejenigen sogenannten "Kleinen Leute", welche in Berlin gelebt und gearbeitet haben, gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen, was als Zeichen dafür gewertet werden kann, daß sie sich ohne Schwierigkeiten in die Berliner Bevölkerung integriert haben.
VI. Die Polen
In Berlin leben heute etwa 30.000 Polen und ca. 80.000 Aussiedler aus Polen. Diese Menschen leben nicht in zusammenhängenden Siedlungen, sondern überall über die Stadt verstreut.
Auf die Anwesenheit von Polen in Berlin kann man vor allem durch die von ihnen gegründeten Vereine und Vereinigungen schließen. Diese machen auch deutlich, daß es den Polen darum ging, ihr Nationalbewußtsein zu erhalten. So taucht bereits 1818 in Berlin die "Vereinigung von studierenden Polen" auf. Als weitere Vereinigung aus dem akademischen Bereich wurde 1869 die "Wissenschaftliche Akademische Gesellschaft" gegründet, die bis 1939 existierte. Ihr ging es darum, für polnische Migranten Bildungseinrichtungen zu schaffen und das Nationalbewußtsein zu stärken. Auch im nichtakademischen Bereich kam es aber zur Gründung von verschiedenen Vereinen. Die verschiedenen Teilungen von besetzten polnischen Gebieten gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten dazu geführt, daß viele Polen in deutsche Industriegebiete und auch nach Berlin als Tagelöhner und andere billige Arbeitskräfte gekommen waren. Sie hatten sich im Laufe der Jahre zu qualifizierten Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen entwickelt. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründete dieser Personenkreis seine eigenen Interessenvertretungen. So wurde 1891 der "Polnisch-katholische Arbeiterverein in Berlin" gegründet. Verschiedene dieser Vereine kümmerten sich auch um immer noch aus Polen erscheinende Neuankömmlinge.
Es gab in Berlin aber neben den polnischen Arbeitern auch polnische Geschäftsleute, Handwerker und Industrielle. So wurde als erste polnische Wirtschaftsorganisation 1867 der "Polnische Industrieverband" gegründet. Es gab in Berlin damals verschiedene polnische Gewerbe und Industriebetriebe und sogar polnische Banken.
Schwierigkeiten zwischen Polen und anderen Bevölkerungsteilen hat es in Berlin offenbar nicht gegeben. Die Polen haben dort kein geschlossenes Siedlungsgebiet gebildet, sondern sich in die einheimischen Bevölkerung integriert, wie dieses auch in anderen Industriegebieten an der Ruhr erfolgt ist.
VII. Die Russen
Erwähnt werden muß noch, daß es auch Russen gab. Am 10.04.1826 befahl Friedrich Wilhelm III die Anlage einer russischen Siedlung nach dem Vorbild der russischen Militärdörfer. Im Jahre 1812 waren auf Wunsch des Königs aus 500 russischen Gefangenen 62 Soldaten für einen Chor ausgesucht und nach Potsdam gebracht worden. Nach dem Fall Napoleons überließ Alexander I diese Soldaten dem preußischen König, der für seine Sänger die Siedlung anlegen ließ. Die einzelnen Anwesen durften nicht verkauft werden. Das jeweilige Nutzungsrecht stand allein den Familien zu. Die Siedlung trägt den Namen Alexandrowka.
VIII. Resümee
Im 18. und 19. Jahrhundert gab es aus verschiedenen Gründen Ausländer verschiedener Nationalitäten und verschiedener Glaubensrichtungen in Berlin. Ihnen gemeinsam war bei allen Unterschieden, daß sie in Berlin aus den verschiedensten Gründen als Arbeitskräfte oder für höhere Tätigkeiten willkommen waren. Ihre Einwanderung wurde gewünscht. Es gab, weil in der damaligen Zeit offenbar genügend Arbeit vorhanden war, auch keine wesentliche Konkurrenz und damit, abgesehen von kleineren Reibereien, keine Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung. Die eingewanderten Ausländer haben sich im wesentlichen in die vorhandene Bevölkerung integriert. Dieses ist offensichtlich bei den Balten, die nur in geringer Zahl eingewandert sind, sehr schnell erfolgt. Bei anderen Gruppen, die gerade ihre Heimat meist unfreiwillig verlassen mußten, weil sie dort, sei es aus religiösen Gründen, wie die Juden und Hugenotten, oder aus politischen Gründen, wie zum Teil die Polen, ihre Lebensgewohnheiten in der Heimat nicht fortsetzen konnten, dauerte die Integration etwas länger. Dieses zeigt sich insbesondere am Beispiel der Hugenotten, welche wegen ihrer protestantischen Religion aus Frankreich flüchten mußten und sich als protestantische Franzosen fühlten. Sie lebten zunächst völlig getrennt von der übrigen Bevölkerung. Erst später, Anfang des 19. Jahrhunderts, hatten sie sich, nachdem sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingewandert waren, voll integriert. Ähnliches gilt für die Juden. Bei ihnen muß man jedoch hinzufügen, daß, nachdem ihre Integration eigentlich am Ende des 19. Jahrhunderts vollzogen war, es in der Form des Antisemitismus zu einem Rückschlag kam.
Dominik Neumann
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