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Armut von Kindern und Jugendlichen - eine Folge des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels?

1. Wandel der Sozialstrutur:

Heute gehört der Wedding neben Neukölln und Teilen von Kreuzberg, Prenzlauer Berg sowie Friedrichshain zu den ärmsten Bezirken Berlins. Jeder 5. der ca. 150.000 in Wedding wohnenden Menschen lebt von der Sozialhilfe, 40% davon sind - und das ist besonders erschreckend und bedrückend - Kinder im Alter bis zu 7 Jahren. Bei den 7 bis 14-jährigen Kindern leben immer noch über 30% von Sozialhilfe. Die Arbeitslosenquote beträgt in diesem Stadtbezirk 22 Prozent. Der ehemalige Industriestandort Berlin verlor mit dem Mauerbau an Bedeutung, da die Verbindung zur Belegschaft unterbrochen wurde. Die häufig aus dem Osten stammenden Mitarbeiter konnten nicht mehr zum Arbeitsplatz gelangen. Dieser Mangel an Arbeitskräften wurde zunehmend durch billigere ausländische Arbeitnehmer kompensiert. Da aufgrund der Einmauerung West-Berlins alte Vertriebsstrukturen unterbrochen wurden und Abnehmer in Ostdeutschland und Osteuropa verloren gingen stagnierte die Wirtschaft und die Betriebe (z.B. Osram, AEG) schlossen oder verlagerten ihre Standorte. In dem Maße wie Männer ihre Arbeitsplätze verloren sahen sich deren Frauen genötigt, Arbeitsplätze auch im Niedriglohnbereich zu suchen , so dass die Zahl der berufstätigen Frauen deutlich anstieg. Die Männer betreuen nun die Kinder und versorgen den Haushalt. Dieser erzwungene Rollentausch führt insbesondere in türkischen Familien, die im Weddinger Bezirk im Vergleich zur Bevölkerungsstruktur der gesamten Stadt überproportional vertreten sind, zu Konflikten mit Religion und Tradition.

2. Ghettoisierung:

In den meisten ausländischen Familien wird nur die Muttersprache gesprochen, was schwere Probleme bei der Einschulung und der kompletten Schullaufbahn zur Folge hat. Aus diesem Grunde können die Jugendlichen auch keine gute Ausbildung genießen, so dass ihr beruflicher Weg vorgezeichnet ist. Sie werden, wenn überhaupt nur einen schlecht bezahlten Beruf erhalten und in ihrer Zukunft das ghettoähnliche Gebiet nicht verlassen können. Finanziell besser gestellte Familien fliehen in wohlhabendere Stadtteile. Dieser Prozeß verstärkt die soziale Entmischung (à Ghettoisierung). Es wächst eine "verarmte, sozial inkompetente, in ihrer Lebensplanung hilflose Bevölkerung" (Zitat Dr. Abel) heran. Dr. Abel, der beim Gesundheitsamt im Bezirk Wedding als Kinderarzt beschäftigt ist und die dortige soziale Lage aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung gut einschätzen kann, geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen auf dem Kiez keinen Ausbildungsplatz bekommt. Diejenigen, die keinen Ausbildungsplatz finden arbeiten häufig als Hilfskräfte bei Verwandten im Handel oder Kleingewerbe oder sie stehen wortwörtlich "auf der Straße". Der größte Teil dieser Gruppe ist frustriert bzw. perspektivlos und manche von ihnen geraten aus diesem Grunde in die Kriminalität. Hierbei ist neben Delikten wie Diebstahl auch Drogenhandel und Autoschieberei weit verbreitet.

 

 

3.Teufelskreis der Armut:


4. Soziale Lage der Kinder:

Frau Beer, die mit ihrem Team Schuleignungsuntersuchungen durchführt, berichtete aus ihrer über 30-jährigen Berufserfahrung als Sozialarbeiterin über die Lebensbedingungen von Kindern im Vorschulalter, von denen über 30% bei nur einem Elternteil aufwachsen. Bereits vor der Geburt leidet der Embryo unter den miserablen äußeren Einflüssen als da wären: ein nicht gesundheitsbewusstes Leben der Mutter, Drogen (vornehmlich Alkohol und Zigaretten), falsche und mangelhafte Ernährung sowie fehlende Vorsorgeuntersuchungen. Die Mütter nehmen aus Angst vor Konflikten mit dem Jugendamt das Angebot zur medizinischen Versorgung häufig nicht wahr und riskieren so das Leben ihres Säuglings. Einige treten auch viel zu spät den Gang zum Krankenhaus an, wodurch es zu Früh- und Hausgeburten ohne ärztlichen Beistand kommt. Wie aus dem Gespräch mit Frau Beer hervorging, wachsen die Kinder oft in sozial und familiär inakzeptablen Verhältnissen auf. Dies bezieht sich sowohl auf Wohnung, Ernährung, Erziehung und Fürsorge der Kinder im Säuglings- und Kindesalter als auch auf das soziale Umfeld in der Teenagerzeit. Von Frau Beer erfuhren wir, dass Frustrationen und Depressionen der Eltern, die wegen der hoffnungslosen Lebenssituation aufkommen, nicht selten zu Missbrauch und Misshandlung von Kleinkindern führen.

5. Grenzen der Hilfe:

Der Berliner Senat versucht diesen Problemen entgegenzuwirken, indem er den enormen Aufwand der Ärzte, Sozialarbeiter und anderen Hilfskräfte so gut wie möglich finanziell unterstützt. Er sorgt für einen Kita - Platz für über die Hälfte der in einem Jahr geborenen Kinder. Außerdem bietet er eine umfassende Beratung für die alleinerziehenden Mütter an. Dies beginnt mit einem Besuch durch eine Sozialarbeiterin bei möglichst jedem Neugeborenen. Zu diesem Zweck gibt es in jedem "sozialschwachen" Bezirk ein "multiprofessionelles Team" bestehend aus Sozialarbeitern, Ärzten und Schreibkräften (ca. 7 Leute). Viele Mütter kommen in diese Einrichtung, da hier vollkommene Anonymität herrscht und diese Fürsorgestelle keine staatlichen Sanktionen ergreift. Frau Beer wies allerdings darauf hin , dass infolge der sehr hohen Verschuldung Berlins drastische Sparmaßnahmen ergriffen wurden und infolge dessen der Mitarbeiterstab auf etwa die Hälfte reduziert wurde, mit der unausweichlichen Konsequenz, dass das Hilfsangebot und die Unterstützungsmöglichkeiten dieser Teams massiv beschnitten wurden. Leidtragende dieser Sparmaßnahmen sind insbesondere die Kinder. Es drängt sich die Frage auf, ob der Staat bzw. die Stadt hier nicht an der falschen Stelle spart. Was wird aus der Zukunft dieser Kinder?

Autoren: Rebecca Kollek, Anke Schleisik, Jens Ortmann & Johannes Hörnemann

 

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